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10 Jahre Napster – ein Rückblick (Teil 3)

Während über den Sommer 1999 Napster zur am raschendsten wachsenden Internetanwendung wurde, war auch der US-amerikanische Musikindustrieverband, die RIAA, auf die Musiktauschbörse aufmerksam geworden. Da das Napster-Management alles daran setzte, eine möglichst hohe Nutzerzahl zu erreichen, um dann aus einer starken Position aus mit der RIAA zu verhandeln, wurden Gesprächsangebote vonseiten der Industrie nicht angenommen bzw. verschleppt. Die Folge war, dass die RIAA im Namen einiger ihrer Mitglieder am 6. Dezember 1999 Klage beim Bezirksgericht in San Francisco gegen die Tauschsite einbrachte.

Die Klage der Musikindustrie

In der Klage (siehe auch RIAA-Presseaussendung) wurde Napster als sicherer Hafen für Musikpiraterie dargestellt, der den Nutzern vollste Anonymität bei ihrem illegalen Treiben zusichere. Zudem handle es sich bei den getauschten Files nicht um irgendwelche obskure Aufnahmen unbekannter und vertraglich ungebundener Musiker, sondern in erster Linie um Hitmaterial, das dem Copyright-Schutz unterliege. Ergänzend wurde eine Liste des Who-is-Who der Popmusikgeschichte beigelegt, die unter anderem Elvis Presley, die Beatles, Jimi Hendrix, Bob Dylan oder Bruce Springsteen umfasste. Darüber hinaus wurde Napster auch zum Vorwurf gemacht, dass es mit seiner bewussten Copyright-Verletzung auch noch ein Geschäft über Werbeeinnahmen machen wolle.

Die statutarische Strafe, die das Gesetz für die Copyrightverletzung eines einzelnen Werks vorsah, lag bei US$ 100.000. Bei den mindestens 200 inkriminierten Verstößen, die man Napster pro Werk nachweisen konnte, errechnet sich also ein Schaden pro Werk von US$ 20 Mio. Berücksichtigt man die breite Verfügbarkeit von Musikstücken, die über Napster Ende 1999 bereits getauscht wurden, drohte die RIAA bzw. die klagenden Label also mit einer Schadenersatzforderung, die in die Milliarden US$ hätten gehen können.

Die Klagseinbringung richtete nun die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Musiktauschbörse. Kein Tag verging mehr, ohne dass Medienvertreter Statements von den Napster-Betreibern einholen wollten. Alle großen nationalen und internationalen Medien machten aus dem Napster-Hype eine Titelgeschichte und erhöhten damit nur noch mehr den dessen Bekanntheitsgrad. Anfang 2000 war Napster die weltweit bekannteste Marke im Musikbereich. An manchen US-Universitäten mussten die Systemadministratoren zu Zugang zur Napster-Homepage sperren, weil der Traffic die verfügbare Bandbreite überstieg und ganze Netzwerke zusammenbrechen ließ.

In der Zwischenzeit hatten sich auch schon Musiker medial zu Wort gemeldet, die in Napster eine tolle Sache sahen. Public Enemy-Mitglied Chuck D verfasste sogar einen  Gastbeitrag für die New York Times. Ebenso unterstützen die Beastie Boys, Courtney Love, Dave Matthews, Moby und Limp Bizkit die Musiktauschbörse mit ihren Wortspenden. Auf der Gegenseite brachte aber auch die RIAA „ihre“ Musiker gegen Napster in Stellung. Eminem und Peter Gabriel sprachen sich in der Presse strikt gegen das File-Sharing-System aus, aber weitesten ging die Heavy Metal Band Metallica. Sie erstattete Mitte April 2000 Anzeige wegen wiederholter Copyrightverletzung ihres Songmaterials, dessen Recht sie im eigenen Verlag selbst kontrollierte. Am 3. Mai fuhren der Metallica-Anwalt sowie der Band-Sprecher und Schlagzeuger, Lars Ulrich, beim Napster-Hauptquartier vor und verlangten öffentlichkeitswirksam die Schließung der Tauschbörse. Sie überreichten der Geschäftsleitung eine Liste von hunderttausenden von Napster-Usern, die illegal Metallica-Songs zum File-Sharing angeboten hatten, und verknüpften damit die Forderung, deren Accounts unverzüglich zu sperren. Um guten Willen zu zeigen und um eine Schädigungsabsicht von sich zu weisen, blockte Napster am 10. Mai 317.377 User. Allerdings meldeten sich diese sogleich unter anderem Namen an und unterliefen damit die Sperrung ihres Accounts.

Im Frühjahr 2000 tauchten auch die ersten Konkurrenzprogramme zu Napster im Internet auf: Justin Frankel, der als 19jähriger mit dem Winamp den ersten universalen MP3-Player für PCs entwickelt hatte, ließ über seine Firm Nullsoft am März 2000 das Gnutella-File-Sharing-System online stellen. Im Gegensatz zu Napster benötigte Gnutella keinen zentralen Server für die Tauschtransaktionen mehr, sondern bediente sich der Rechenleistung anderer Computer im Netz. Damit war Gnutella weniger leicht juristisch angreifbar als Napster. Da aber Nullsoft ein Tochterunternehmen von AOL-Time-Warner und somit im gleichen Konzern angesiedelt war wie Warner Music und Warner Bros., musste Gnutella nach nur wenigen Tagen wieder vom Netz genommen werden, was aber ausreichte, dass sich der Quellcode über ganze Netz verbreiten konnte und viele Gnutella-Klone verfügbar waren. Ein anderes Konkurrenzprodukt stellte iMesh, das zwar wie Napster mit einem zentralen Server operierte aber mit segmentierten Downloads arbeitete, d.h. ein gesuchte Datei wurde nicht in ihrer Gesamtheit von einem Rechner, sondern gleichzeitig in vielen Segmenten von verschiedenen Computern geladen und wieder zu einem File zusammengesetzt.

Napster sah aber in dieser Konkurrenz nicht nur Nachteile. Es konnte diese schwer zu kontrollierenden dezentralen Netzwerke als wesentlich größere Gefahr für die Musikindustrie darstellen. Im Vergleich dazu schien Napster das geringe und bekannte „Übel“ zu sein. Um die Konkurrenz auf Distanz zu halten, erweiterte Napster seine Kapazität auf 50 Großrechner, die Ende April/Anfang Mai 2000 zusammen geschaltet wurden, um die stark gestiegene Zahl von Suchanfragen zu bewältigen.

Mit dem unbändigen Wachstum zeichneten sich im Frühjahr 2000 ernste Liquiditätsprobleme ab. An der Börse war Napster dank der Dot.-com-Blase bereits US$ 100 Mio. wert, lief aber gleichzeitig Gefahr, die monatlichen Gehaltszahlungen nicht mehr leisten zu können. So begann die Suche nach Investoren, die trotz anhängiger Sammelklage der Musikindustrie, bereit wären, einzusteigen. Zudem erwies sich auch Mehrheitseigentümer John Fanning als Hemmschuh. Immer wenn schon ein Deal mit einem Risikokapitalgeber vor dem Abschluss stand, torpedierte er die Verhandlungen mit überzogenen Forderungen, weil er um seinen Einfluss fürchtete. Letztendlich gelang es dann doch im April 2000 die Investorengruppe Hummer Winblad als potenten Partner zum Einsteig bei Napster zu bewegen. Hummer Winblad war bereit, US$ 14,5 Mio. an Risikokapital zur Verfügung zu stellen, wobei John Fanning seinen Posten im Aufsichtsrat behalten durfte. Allerdings musste er akzeptieren, dass seine  Anteile wegen der Kapitalaufstockung auf 15% sanken, wodurch er sein Vetorecht verlor. Hummer Winblad hingegen verfügte nun über 20% der stimmberechtigten Aktien und konnte frei agieren. Zuerst wurden die beiden verbliebenen Aufsichtratsposten für den Firmengründer John Hummer und für eine weitere der Firma nahe stehenden Person beansprucht. In weiterer Folge wurde Eileen Richardson als CEO durch den Anwalt und Copyright-Experten Hank Barry ersetzt.

Vor allem an der Klagsfront war nun ein erfahrener Jurist gefordert. Hier setzte es aber am 5. Mai 2000 die erste Niederlage. Napster hatte sich nämlich selbst als Musik Internetservice Provider definiert, der unter den Schutz des Digital Copyright Millenium Act (DCMA) aus dem Jahr 1998 falle. Damit berief sich Napster auf eine Passage im Gesetz, in der die Ausnahme „(…) for transmitting, routing or providing connections for material through a system or network controlled or operated by or fort he service provider“ geregelt ist. Die Richterin stellte nun klar, dass die Datenübertragung (transmitting) nicht von Napster selbst, sondern von den einzelnen Usern vorgenommen werde, womit Napster kein Internetservice Provider (ISP) im Sinne des Gesetzes sei. Darüber hinaus kritisierte die Richterin, dass Napster es lange Zeit verabsäumt habe, Maßnahmen gegen die wiederholte Verletzung von Copyright-Bestimmungen zu setzen. Diese wurden erst nach der Klagseinbringung im Dezember 1999 gesetzt und bestanden lediglich im Austausch der Passwörter der inkriminierten Nutzer, nicht aber in der Sperrung der IP-Adressen.

Mit diesem Entscheid war die Rechtsposition von Napster schwer erschüttert und man musste für das bevorstehende Verfahren mit dem Schlimmsten – nämlich einer einstweiligen Verfügung und dem gerichtlich angeordnetem Schließen der Tauschbörse– rechnen.

Die Anhörung sowie das außergerichtliche Vorverfahren sind Gegenstand des nächsten Teils dieser Serie.


2 Responses to “10 Jahre Napster – ein Rückblick (Teil 3)”


  1. 1 Michael Huber
    29. Juli 2009 um 10:24 am

    So chaotisch und planlos Napster & Co. bisweilen agierten: durch den Umstand, dass sie von der RIAA geklagt wurden, explodierte im Jahr 1999 das weltweite Interesse an „Musik-Tauschbörsen“. Musikmagazine legten „Gebrauchsanweisungen“ vor, wie und womit man am besten downloaden könne. Die konkurrenzlose Winamp-Software wurde benutzerfreundlicher. Die Firma Diamond brachte den Rio-Player auf den Markt, den ersten portablen MP3-Player mit sagenhaften 32 Megabit Speicherkapazität. (Da gingen je nach Größe 10 bis 12 Songs drauf, was aber nicht so tragisch war, da man für das Runterladen eines Songs mit damals üblichem Modem eh bis zu einer Stunde brauchte. Er lief auch nur mit Windows95, als ich W98 installierte, funktionierte plötzlich der Parallel Port nicht mehr. Für die iPod-Generation unfassbare Zustände.) Auch der Public Enemy vs. Metallica-Konflikt kochte das Thema ordendlich hoch. Und bald gabs keine Studenten-WG mehr, wo nicht rund um die Uhr runtergeladen wurde. Innerhalb weniger Monate wurde das vom Geheimwissen der TU-Nerds zum Allgemeinwissen.


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