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Jul
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10 Jahre Napster – Ein Rückblick (Teil 2)

Im Frühjahr 1999 hatte Napster seine Geschäftstätigkeit aufgenommen, nachdem Shawn Fanning unterstützt von der Hacker-Community die File-Sharing-Software im Herbst 1998 programmiert hatte. Mit der Gründung von Napster Inc. war es notwendig geworden, Kapital für das Internet-Start-up-Unternehmen aufzutreiben. Die Aufgabe übernahm Sean Parker, der aufgrund seiner geschäftlichen Aktivitäten schon Kontakte zu einigen Venture Capitalist-Firmen aufgebaut hatte. Dass es gar nicht so leicht war, das nötige Geld aufzutreiben und wie es dann doch noch gelang, wird im zweiten Teil dieser Serie nacherzählt.

Der kometenhafte Aufstieg von Napster Inc.

Es war trotz der sich aufblähenden Dot.com-Blase schwierig potente Geldgeber zu finden. Entweder scheiterte man an überzogenen Forderungen von John Fanning oder es gab Vorbehalte wegen der rechtlichen Problematik. Zwar präsentierte sich Napster gegenüber potenziellen Kapitalgebern als Musik-Internetservice-Provider, der in die Übermittlung unautorisierter und copyright-geschützter Inhalte nicht direkt involviert und somit vom Digital Copyright Millenium Act (DCMA) ausgenommen war, aber die Copyright-Rechtsanwälte verwiesen schon in dieser Frühphase darauf, dass diese Ausnahme des Gesetzes nicht auf Napster anzuwenden wäre. Das Gesetz schützt nämlich nur automatisierte, technische Prozesse, bei denen es zu keiner Selektion der Inhalte kommt und es schützt ISP dann, wenn sie Hypertextlinks listen, aus denen nicht ersichtlich ist, ob es sich um copyright-geschütztes Material handelt. Wenn das Unternehmen aber von der Verletzung des Copyrights wissen müsste, wie es bei der zentralen Server-Architektur von Napster der Fall war, dann kann es auch juristisch zur Verantwortung gezogen werden.

Napster war also von Anfang an klar, dass es sich auf rechtlich dünnem Eis bewegte und so wollten die anfänglich kontaktieren Risikokapitalfirmen kein Geld zur Verfügung stellen. Erst im Sommer 1999 gelang es John Fanning den für seine unüberlegten Schnellschüsse bekannten Yosi Amram dazu zu bewegen, Napster mit einer entsprechenden Kapitalspritze zu versorgen. Amram knüpfte aber an die Auszahlung von US$ 250.000 die Bedingung, dass er mit einer von ihm nominierten Person neben John Fanning einen Dreier-Aufsichtsrat (Board of Directors) bilden sollte, um stets eine Beschlussmehrheit gegen Fanning bilden zu können. Eine weitere Bedingung war, dass Napster Inc. nach Kalifornien übersiedeln sollte, wo Amram lebte und wo er ein Auge auf die Aktivitäten des Start-ups werfen konnte.

Im September 1999 machten sich also Shawn Fanning und Sean Parker auf den Weg ins neue Napster-Hauptquartier in San Francisco. Dort erwartete sie bereits eine von Amram installierte Geschäftsführung in der Person von Eileen Richardson, die zuvor schon einmal erfolgreich als Venture Capitalist ein Internet-Start-up aufgebaut hatte. Allerdings verfügte sie so gut wie über keine Kenntnisse vom Musikgeschäft und war auch in rechtlicher Hinsicht nicht sehr beschlagen. Ihr zur Seite wurde der mehrmals wegen Alkohol- und Stalkingdelikten vorbestrafte Bill Bales gestellt, um vor allem John Fanning in Schach zu halten. Dieses Gespann sollte die Geschicke von Napster lenken, das seine Benutzerzahlen seit seinem Launch als allgemein zugängliche Beta-Version im Juni 1999 von wenigen 1.000 auf mehrere 10.000 pro Tag hatte steigern können.

In der Führungsetage herrschte aber, glaubt man Joseph Menn, Chaos. Niemand hatte eine Ahnung vom Musikbusiness und vom Copyright. Die strategischen Überlegungen reichten vom Festhalten an einem nicht-profitorientierten Tauschservice bis zur Umwandlung in ein voll lizenziertes über Abonnementsgebühren finanziertes Downloadangebot. Zusätzlich mussten in kürzester Zeit Programmierer eingestellt werden, um den exponentiell ansteigenden Traffic am Napster-Server zu bewältigen. So bestand Napster neben den wenigen Verantwortungsträgern, die Mitte bis Ende dreißig waren, vor allem aus Spätpubertierenden, die im Napster-Hauptquartier quasi ihr Camp aufgeschlagen hatten und in ihrer raren Freizeit Marihuana rauchten oder anderen Blödsinn trieben. Man kann sich also vorstellen, wie schwierig es war, in einer solch infantilen Atmosphäre zielgerichtet und vernünftig zu arbeiten. Trotz der offensichtlichen Unprofessionalität des Napster-Teams gelang es Yosi Amram nicht zuletzt wegen der sich aufblähenden Dot.-com-Blase neue Investoren zu finden, die das Unternehmen mit genügend Liquidität versorgten.

Im Oktober 1999 durchbrach die Anzahl der täglichen Napster-User die 1-Millionen-Grenze. Die Musiktauschbörse war die am raschendsten wachsende Internetanwendung geworden. Kein Wunder, dass bald auch schon die Medien auf das Phänomen Napster aufmerksam wurden. Am 1. November 1999 erschien ein erster Artikel über Napster im Wired-Magazine, in dem auch die juristische Problematik des File-Sharings angesprochen wurde. CEO Eileen Richardson vertrat im Wired-Interview die Meinung, dass das Unternehmen nicht im Konflikt zum Gesetz stand, weil es als eine Art Internetservice-Provider fungiere und die Musikfiles nicht direkt anbiete, sondern nur die Community-Plattform für den  Musiktausch bereit stelle. Und im Übrigen stünde man schon in Verhandlungen mit der Recording Industry Association of America (RIAA).

Letztere Behauptung war glattweg falsch. Die RIAA war bereits im Spätsommer 1999 auf Napster aufmerksam geworden, nachdem die soeben erst eingerichtete Piraterie-Task-Force unter der Leitung von Frank Creighton in einem einschlägigen Internetforum von der Tauschbörse erstmals gehört hatte. Am 23. September 1999 informierte Creighton in einem Routine-E-Mail John Fanning, dass die Napster-Software unautorisiert in die Rechte der Musikurheber und ihrer Verwerter eingreife. „As may or may not be aware, your software, while exciting to both consumers and producers (including potentially our members) of sound recordings, unfortunately facilitates in many cases the unauthorized posting of our members’ sound recordings.“ (S. 163). Beigefügt war dem Schreiben eine Einladung zu Gesprächen, um die Probleme zu thematisieren und eine Lösung herbeizuführen. Der freundliche Ton des E-Mails veranlasste John Fanning zu glauben, dass die RIAA nichts gegen Napster in der Hand hätte und begann auf Zeit zu spielen. Auch die Geschäftsführerin Eileen Richardson setzte auf die Verzögerungstaktik und hoffte die Zeit nutzen zu können, damit Napster weiter an Nutzerzahlen zulegen und als gleichwertiger Partner einen vorteilhafteren Deal mit der RIAA bzw. den von ihr vertretenen Labeln aushandeln könne. So begann eine Phase des Lavierens, in dem immer wieder Gesprächstermine angesetzt, dann aber kurzfristig abgesagt oder gar nicht erst wahrgenommen wurden. Ende Oktober 1999 reichte es dann der RIAA-Geschäftsführerin Hilary Rosen und sie beauftragte eine auf Copyright spezialisierte Anwaltskanzlei, die Klage gegen Napster vorzubereiten. Am 6. Dezember 1999 war es dann soweit: Am US-Bezirksgericht in San Francisco wurde über den Anwalt Russell Frackman Klage wegen Copyrightverletzung gegen Napster Inc. eingebracht.

Damit wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen, das im nächsten Teil genauer besprochen werden soll.


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