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10 Jahre Napster – Ein Rückblick (Teil 1)

Vor genau 10 Jahren, im Frühjahr 1999, wurde Napster als Firma gegründet und stieg im Laufe des Sommers zum meist genutzten Angebot im Internet auf. Wie keine andere Onlineanwendung davor stand und steht Napster für eine Revolution, die zwar von ihm nicht ausgelöst aber entscheidend mitgestaltet wurde. Viele gegenwärtige Entwicklungen in der Musikindustrie sind besser zu verstehen, wenn man den Aufstieg und Fall Napsters zu rekonstruieren versucht.

Ich möchte dazu das Buch „all the rave. The Rise and Fall of Shawn Fanning’s Napster” von Joseph Menn aus dem Jahr 2003 zum Anlass nehmen, die Geschichte von Napster, so wie sie uns der Autor präsentiert, in einer Serie von 5 Teilen nachzuerzählen aber auch kritisch zu reflektieren.

 Joseph Menn ist ein Journalist, der für die Los Angeles Times und auch andere Medien in den USA arbeitet und mehr über die Hintergründe von Napsters Aufstieg und Fall wissen wollte, als damals in der medialen Berichterstattung an die Öffentlichkeit gelangte. In guter alter investigativer Journalisten-Manier führte er dazu hunderte Interviews mit involvierten Personen, wertete zahllose Polizei- und Gerichtsprotokolle aus, stöberte Unmengen bislang nicht veröffentlichter, interner Unterlagen von Napster auf und hat rund um den Napster-Prozess viele nicht-öffentliche Statements gesammelt.

Dabei ging es ihm nicht nur darum, die Rolle einzelner Akteure, insbesondere jener von Shawn Fannig zu beleuchten, sondern er breitet vor uns den gesamten Horizont im Napster-Fall involvierten Personen und Institutionen aus, um die Zusammenhänge und Ursachen, die zum kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall von der Musiktauschbörse Napster beigetragen haben, besser verstehen zu können.

Die Hacker-Community und die Geburt von Napster

Menn widmet sich im ersten Kapitel seines Buches, betitelt „the rebels“ mit den Biografien der Hauptakteure, die zum Zeitpunkt der Genese von Napster als P2P-File-Sharing-System um die 20 Jahre alt waren.

So wurde Shawn Fanning 1981 in der Nähe von Boston in prekäre Familienverhältnisse geboren und wurde von seinem Onkel John Fanning im Teenageralter quasi adoptiert. Sein Onkel kaufte ihm auch seinen ersten Computer und in dessen Softwarefirma befasste er sich intensiv mit Programmierarbeit und war auch bald in der sich über das Internet verbreitenden Hackszene aktiv, wo er unter dem Nickname „Napster“ bekannt war. Besonders oft nutzte er den 1988 in Finnland entwickelten Internet Relay Chat (IRC), über den nicht nur gechattet, sondern auch Musikfiles im MP3-Format getauscht wurden. In einer dieser Foren, dem wOOwOO-Chat, traf Shawn Fanning auf Sean Parker und Jordan Ritter, die in weiterer Folge für die Entstehung von Napster als eine zentrale Rolle spielen sollten.

Jordan Ritter wurde 1978 in der Nähe von Los Angeles geboren. Ebenfalls aus einem sozial desolaten Familienumfeld stammend – die Mutter Alkoholikerin, der Vater drogenabhängig –, verließ Ritter noch im Teenageralter sein Zuhause und trat nach den High-School-Jahren in Florida in die Lehigh University in Bethlehem, Pennsylvannia, ein, um dort Informatik zu studieren.

Sean Parker wurde 1979 geboren und stammte im Gegensatz zu Fanning und Ritter aus einer weißen Mittelschicht-Familie im US-Bundesstaat Virginia. Seine Stärke lag nicht nur im Programmieren, sondern auch im Geschäftlichen. Seit seiner Teenagerzeit versuchte auf die eine oder andere Weise geschäftlich Fuß zu fassen zu gründet schließlich die Software-Sicherheitsfirma Crosswalk.

Als Fanning, Ritter und Parker Ende der 1990er Jahre im Internet aufeinander trafen, zirkulierten schon auf vielen Plattformen Musik-MP3s zum freien oder kostenpflichtigen Download. Allerdings handelte es um zentral gesteuerte Angebote mit einer überschaubaren Anzahl von Files. 1998 wollte Shawn Fanning das ändern und begann an einem Programm zu basteln, das in der Lage war, auf die Musikfiles in fremden Computern zuzugreifen. Die erste Version präsentierte er seinen Hacker-Freunden im wwOOwwOO-Chat im Herbst 1998. Die anfänglichen Reaktionen waren eher zurückhaltend, aber mit jedem Update wurden die Diskussionen intensiver und heftiger. Schließlich wurde sogar ein eigner „Napster“-IR-Chat eingerichtet, in dem sich die Community nunmehr ausschließlich der Programmierung dieser Software widmen konnte. Jordan Ritter fiel dabei die wichtige Funktion zu, den zentralen Server zu warten und für die Stabilisierung des Sicherheitsservers zu sorgen. Schließlich wurde auch noch Sean Parker involviert, der nicht nur viele Fehler im Programm aufspürte und beseitigte, sondern von Anfang an ein Geschäftsmodell witterte.

Im Frühjahr 1999 lag Napster in seiner grundlegenden Architektur als Ergebnis kollektiver Programmierarbeit unter der Federführung von Shawn Fanning vor. Um sich noch intensiver mit der Software beschäftigen zu können, brach Fanning sein Studium an der Northeastern University in Boston ab. Sein Onkel, John Fanning, bot ihm daraufhin an, ihn bei der Firmengründung zu unterstützen. Im Mai 1999 wurden die Gründungspapiere von „Napster Inc.“ von Shawn Fanning unterschrieben, allerdings zu dem Preis, dass sein Onkel 70%-Eigentümer an der neuen Firma wurde und bei Shawn Fanning lediglich ein Minderheitenanteil von 30% verblieb. Diese Eigentümerstruktur wird nun in der Folge zu vielen Problemen führen, die letztendlich auch für den Untergang Napsters mit verantwortlich war. Schon an dieser Stelle sei angemerkt, dass John Fanning in Joseph Menns Sicht ein unberechenbarer und zu Gewalttätigkeiten neigender Geschäftsmann war, der sich mit geschäftlichen Abenteuern hoch verschuldet hatte und trotzdem in einer Luxusvilla mit Meeresblick lebte.

Im zweiten Teil geht es dann um den kometenhaften Aufstieg von Napster Inc. im Sommer bzw. Herbst 1999.


3 Responses to “10 Jahre Napster – Ein Rückblick (Teil 1)”


  1. 5. März 2010 um 10:11 am

    Super Beitrag – danke für die Hilfe! Der Bereich wird in Zukunft bestimmt noch wichtiger werden. Ich meine, da gestern noch was drüber gelesen zu haben. Tschöö, Volkmar Frenzel


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