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Der Internet-Tsunami und die Musikflatrate – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 1. Juli 2009

Am 1. Juli war die Direktorin der AustroMechana, Frau MMag. Ursula Sedlaczek zu Gast im Musikwirtschafts-Jour-fixe, um über die praktischen Probleme zu sprechen, die der Einführung einer Musikflatrate entgegenstehen. Dabei skizzierte sie eingangs die gegenwärtige Umbruchsituation sehr eindringlich als kulturellen Wandel der in Form eines Internet-Tsunamis alle gängigen und lang praktizierten Geschäftsmodelle hinwegfegt. So brechen insbesondere den Major-Labeln und deren Verlagen, die 70% der weltweiten Rechte verwalten, die Umsätze weg. Gleichzeitig werden im Netz kolportierte 90-95% der digitalen Inhalte an den Rechteinhabern und -verwertern vorbei unentgeltlich weitergeben. Die Verwertungsgesellschaften befinden sich dabei an der Schnittstelle zwischen zwei Märkten, die sich grundlegend verändern. Am Markt der Rechtinhaber gibt es eine Tendenz zur exklusiven Verwertung der Rechte nur noch über eine oder wenige Verwertungsgesellschaften und auf dem Markt der Rechtnutzer schwindet das Verständnis, für die Nutzung von Inhalten ein adäquates Entgelt zu entrichten.

Als ein Ausweg aus dem Dilemma wird dabei die Einführung von Flat-Fee-Modellen diskutiert, bei denen durch die Bezahlung einer monatlichen Gebühr die angebotenen Inhalte ohne weitere Einschränkung konsumiert werden können. Den Verwertungsgesellschaften würde dabei die Aufgabe zukommen, dass dabei entstehende Tantiemenaufkommen zu verteilen. Zwei Grundmodelle lassen sich unterscheiden:

Modell 1: All-you-can-eat/All-you-can-hear Flat Fee

Damit sind jene Abo-Modelle gemeint, die bereits am Markt praktiziert werden, und bei denen gegen monatliches Entgelt – 8 bis 10 EUR – unbeschränkt alles herunter geladen („all you can eat“) bzw. gestreamt („all you can hear“) werden kann, was vom jeweiligen Serviceprovider zur Verfügung gestellt wird. So konsumentenfreundlich diese Modelle auch sein mögen, so wenig werfen sie für die Rechtinhaber ab. So erhält die AustroMechana bspw. von iTunes pro herunter geladenem Track 7 Cent, bei einem Abomodell maximal € 1,5 pro Monat pro User, wobei dieser unzählige Tracks nutzen kann. Die wenigen Tantiemen sollen nicht nur zwischen allen Bezugsberechtigten (Verlag, Autor, Komponist etc.) aufgeteilt werden, sondern die auch noch die gestiegenen Verwaltungskosten abdecken. Dabei sind aber gewaltige Datenmengen mit einem höheren technischen und personellen Einsatz zu bewältigen, was sich in höheren Kosten bei den Verwertungsgesellschaften niederschlägt. Man kann sich also ausrechnen, wie wenig für den Großteil der Bezugsberechtigten am Ende des Jahres abfällt. Ein zusätzliches Problem sind die unterschiedlichen Nutzungsintensitäten. So wird anfänglich von den Abonnenten sehr viel herunter geladen bis ein Sättigungseffekt eintritt und sich die Nutzung auf einem niedrigeren Niveau einpendelt, was aber wieder zu Abrechnungsproblemen führt.

Modell 2: Contentabgabe (Kultur- bzw. Musikflatrate)

Dabei wird auf Breitbandinternetanschlüsse und/oder mobile Telefonanschlüsse eine Abgabe erhoben, die alle Medien umfassen sollte. Ein solches Modell wurde bislang nur in Frankreich angedacht, ohne dass es dann zur Umsetzung gekommen wäre. Den Praxistest möchte nun die Isle-of-Man wagen, deren Regierung die Einführung einer Art Kulturflatrate zumindest einmal angekündigt hat. Eines der Hauptprobleme ist dabei die Verfügbarmachung der Nutzungsdaten. Drei Wegen bieten sich dabei an:

–         Die Nutzungsdaten werden von den Internetprovidern geliefert, was aber vor allem bei komplexen technischen Strukturen unter Umständen datenschutzrechtliche Fragen aufwerfen und auf technische Probleme stoßen könnte.

–         Mittels Fingerprint-Methode wird eine repräsentative Stichprobe eruiert, die dann auf die Gesamtnutzung hochgerechnet wird. Allerdings fehlen bis dato nachvollziehbare Ergebnisse.

–         Es werden wie im Fall der Leerkassettenvergütung Marktanteile errechnet, nach denen die eingehobenen Flat-Fee-Gebühren verteilt werden. In der Folge gilt es aber im ersten Schritt einen Aufteilungsschlüssel zwischen den Verwertungsgesellschaften zu finden und in einem zweiten Schritt dann Verteilung auf die Rechtinhaber vorzunehmen. Zieht man dabei das zurechenbare Einkommen der Berechtigten heran, so würde die ohnehin schon sehr ungleiche Verteilung der Gelder noch verstärkt werden, was zu großen Legitimationsproblemen eines Flat-Rate-Modells führen würde.

Der Probleme sind also viele, die mit Flat-Fee-Modellen verbunden sind, aber es gibt, so zumindest das Fazit, kein Problem, dass nicht gelöst werden könnte. Man kann also durchaus den Schluss ziehen, dass eine Musik(Kultur)Flatrate umsetzbar wäre, wenn alle davon Betroffenen – Rechteinhaber, Internetserviceprovider, Verwertungsgesellschaften und Konsumenten bzw. Datenschützer – zusammensetzen, um die Felsbrocken gemeinsam aus dem Weg zu räumen. Ob dazu schon Bereitschaft besteht, muss bezweifelt werden. Aber der steigende Leidensdruck könnte in absehbarer Zeit durchaus dafür sorgen, sich ernsthaft mit Contentabgabe-Modellen zu beschäftigen und den Praxistest zu wagen. Ansonsten wird der Internet-Tsunami so lange toben, bis alles platt ist und nur mehr die Flatrate übrig bleibt.

Weiterführende Hinweise:

Ausgehend vom Jour-fixe hat FM4 am Do., 2.7. das Thema aufgegriffen und einen Beitrag darüber gesendet bzw. der zuständige Redakteur hat dazu einen auf der FM4-Homepage publizierten Kommentar verfasst.

Zudem sei noch einmal auf den April-Termin des Jour-fixe verwiesen, an dem Mag. Kolm die Vor- und Nachteile einer Kulturflatrate dargestellt hat. Hier noch einmal die Zusammenfassung.

Interessant ist auch ein Artikel zur Kulturflatrate in der Juni-Ausgabe des alternativen Wirtschaftsmagazins „brand eins“.


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