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Neue britische Studie zum File-Sharing

In einem Online-Artikel vom 29. Mai wird unter der Überschrift „U.K. Report Shows Impact Of P2P“ über einen jüngst erschienen Bericht vom Centre for Information Behaviour and the Evaluation of Research (CIBER) am University College London, der im Auftrag des Strategic Advisory Board für Intellectual Property Policy (SABIP) erstellt wurde, folgendes berichtet: „It examines online consumer behaviour in the U.K. and its potential impact on business and government policy, looking at evidence from across the copyright industries and across all age ranges”. Und Billboard zitiert dazu den für Fragen des geistigen Eigentums zuständigen Minister, David Lammy, mit den Worten: „As SABIP’s report shows, illegal downloading robs our economy of millions of pounds every year and seriously damages business and innovation throughout the U.K. (…) It is something that needs tackling, and we are serious about doing so.“

Solche Meldungen machen natürlich hellhörig und es entsteht der Eindruck, dass nunmehr die ultimative Studie zu den (ökonomischen) Wirkungen des File-Sharing vorgelegt wurde. Dass dem nicht so ist und was nur wirklich in diesem Bericht steht kann hier nachgelesen werden.

Im „Executive Summary“ werden die Ziele des Berichts skizziert und zwar soll (1) die SABIP über die Implikationen des File-Sharing auf das geistige Eigentum informiert werden und daraus (2) zukünftige Forschungsvorhaben abgeleitet werden. Damit ist auch schon klar, dass es sich bei diesem Bericht nicht um eine weitere wissenschaftliche Arbeit über die Wirkungen von File-Sharing auf den Verkauf von Entertainment-Produkten handelt, sondern um eine explorative Studie, um die Forschungsnotwendigkeiten zu diesem Themenkomplex aufzuzeigen.

Gleich zu Beginn stellen die Autoren klar, dass sie keine empirische Studie durchgeführt haben, sondern lediglich bereits vorliegende Sekundärliteratur zum Thema File-Sharing aufgearbeitet haben. Zusätzlich wurden noch 8 Vertreter betroffener Branchen und der britischer Behörden (Industry Trust on Intellectual Property, UK Film, UK Music, The Britisch Recorded Music Industry, Ofcom, die Publishers Association, die Country Music Songwriters Association und die Internet Service Providers Association) befragt sowie einschlägige Medienberichte ausgewertet. Den Abschluss bilden so genannte „empirische Fallstudien“, die darin bestehen zu zeigen, wie einfach es ist, sich digitalen Content unautorisiert zu beschaffen.

Wie man aus dieser „Methodenbeschreibung“ erkennen kann, darf der Bericht nicht Anspruch erheben, irgendwelche wissenschaftlichen Aussagen zu den File-Sharing-Wirkungen zu treffen. Er hat bestenfalls explorativen Charakter, wenn überhaupt. Das wird auch klar, wenn man den Text genauer studiert. Es werden dabei Aussagen (ich vermeide den Begriff Hypothesen bewusst) gemacht und vor dem Hintergrund der ausgewerteten Sekundärliteratur, Medienberichte und der Ergebnisse der acht Interviews mit einem Rating-System bewertet. Ein Stern bedeutet, dass es kaum Hinweise gibt, die die Aussage untermauern, wohingegen bei fünf Sternen eine sehr starke Evidenz für die Aussage vorliegt. Wie diese Ratings zustande kommen und ob dabei eine wissenschaftliche Vorgangsweise gewählt wurde, geht aus dem Bericht nicht hervor. Man muss daher davon ausgehen, dass das Rating die subjektive und private Einschätzung der Autoren wieder spiegelt und daher methodisch nicht fundiert ist.

Die Aussagen, die im Abschnitt „Key CIBER Findings“ (S. 8-19) besprochen werden, zeichnen sich auch nicht gerade durch Präzision aus. Sie werden nun vollständig in der Reihung ihrer Nennung und mit dem von den Autoren vergebenen Rating dargestellt:

The scale of the ‘problem’ [file-sharing, Anm. d. Verf.] is huge and growing, CIBER-Rating: ****

Dazu werden die Zahlen von der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) zitiert, die 890 Millionen unautorisierte Musikdownloads in Großbritannien im Jahr 2007 ausgeht, dem lediglich 140 Millionen Bezahl-Downloads in einem Verhältnis von 1:6 gegen überstehen.

There are myriad choices when consuming content and consumers are confused about what is legal and not legal, CIBER-Rating: *****

Attitudes and behaviours towards property in the online and physical worlds are very different, CIBER-Rating: *****

It has never, ever been easier to break the law, CIBER-Rating: *****

There are fewer cues to guide behaviour in the online world, CIBER-Rating: ***

Education isn’t working, yet, CIBER-Rating: ****

There is a powerful idea that there is ‘no victim’, and so ‘no crime’, CIBER-Rating: ****

Internet service provider and the consumer electronics industry: two elephants in the room, CIBER-Rating: *****

Das sind also die Aussagen, die “untersucht” wurden. Wie man ohne Mühe erkennen kann, handelt es sich in manchen Fällen nicht einmal um überprüfbare Aussagen, denn wie soll man die „elefantösen“ Eigenschaften der Internet Service Provider und der Consumer Electronics Industrie feststellen?

Ähnlich ist es mit den politischen Implikationen, die die Autoren aus ihrer Analyse ableiten:

(1)   Die digitale Welt funktioniert anders und bedarf neuer Geschäftsmodelle um den neuen Anforderungen gerecht zu werden

(2)   Die potenzielle Kriminalisierung von 7 Millionen File-Sharer in Großbritannien ist mit hohen Kosten verbunden.

(3)   Die Erwartungen der Konsumenten haben sich durch die digitale Technologie verändert. Vor allem erwarten sich die Konsumenten einen raschen Internetzugang und die Möglichkeit Information frei auszutauschen.

(4)   Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Konsumenten, sondern auch bei den Content-Verwertern und Hardware-Anbietern.

(5)   Die technologische Entwicklung der Hard- und Software erleichtert immer mehr die Verletzung der Urheber- und Leistungsschutzrechte.

(6)   Der Web-Zugang ermöglicht die Verbreitung digitaler Inhalte in einem immer größeren Umfang und auf sehr schnelle Art und Weise.

(7)   File-Sharing ist vielmehr ein soziales denn ein ökonomisches Verhalten.

Diese 7 Schlussfolgerungen werden vom CIBER-Team mit 5 Sternen bewertet, was den Schluss nahe legt, dass sie keineswegs für eine restriktive juristische Verfolgung der File-Sharer eintreten.

Die weiteren 3 Schlussfolgerungen bewerten die Autoren mit nur mehr vier Sternen und zwar:

(8)   File-Sharer fühlen sich in ihrem Tun sicher und befürchten nicht, beim unautorisierten Tausch von digitalen Inhalten erwischt zu werden.

(9)   File-Sharer haben zweierlei ethische Standards. An die Vertreter der betroffenen Industrien legen sie einen hohen moralischen Maßstab an, wohingegen sie ihr eigenes Tun als moralisch nicht verwerflich entschuldigen.

(10)  Ein aktiver File-Sharer hat zumindest 7 Jahre Erfahrung mit Tauschbörsen und ebenso viel Zeit, um Content anzusammeln.

Die Autoren glauben aber nicht, dass die ökonomische Verwertung der Backkataloge durch das P2P-File-Sharing in Zukunft unmöglich wird und sehen auch nur schwache Belege dafür, dass Internet-User grundsätzlich annehmen, dass sie alle Inhalte gratis aus dem Netz beziehen können.

Von diesen Schlussfolgerungen kommen die Autoren im nächsten Schritt zu den Empfehlungen, welche Forschungsleistungen zur Frage File-Sharing noch zu leisten sind:

(1)   Die meisten Studien haben ihren Fokus auf Studenten und sind in keinster Form repräsentativ. Es braucht daher eine breite Konsumentenbefragung, die für Großbritannien repräsentative Ergebnisse erbringt.

(2)   Dabei sollte der Aspekt der digitalen Konvergenz – mobile Kommunikation, digitales Fernsehen etc. – auch Berücksichtigung finden.

(3)   Die Erhebung sollte nicht nur den Konsum von Musik und Filmen über Tauschbörsen abdecken, sondern auch andere Bereiche der Kreativwirtschaft wie auch den Bereich der Forschung und Daten der öffentlichen Verwaltung.

(4)   Die Aspekte der Anonymität beim File-Sharing wie auch der offensichtlichen Offenherzigkeit der Internet-User bei Social Community Anwendungen (wie Facebook, MySpace, Twitter) sollten auf Fragen der Identitätsbildung im Netz hin untersucht werden.

(5)   Es braucht insgesamt eine Langfrist-Studie, in der neue Instrumente des Schutzes geistigen Eigentums vor und nach ihrer Einführung getestet werden. Konkret wird ein Sample von 200 Personen vorgeschlagen, das in Befragungen und Fokusgruppen-Interviews zwei Mal im Jahr über mehrere Jahre hinweg beobachtet wird.

Man kann sich speziell in diesem Abschnitt des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren quasi Promotion für ein derart skizziertes Forschungsprojekt machen, das sie natürlich von der SABIP finanziert haben wollen.

Das wäre dann auch schon alles zum ersten Teil des Berichts. Im zweiten Teil wird dann die so genannte „Evidence Base“ und zwar im (a) technologischen, ökonomischen und regulatorischen Kontext und bezüglich (b) des Konsumenteneinstellungen und –verhaltens dargestellt.

(a) Technologischer, ökonomischer und regulatorischer Kontext

Zuerst werden einmal die technologischen Veränderungen, wie sie in den offiziellen Statistiken und Berichten dargestellt wurden, besprochen. So haben in Großbritannien (inklusive Nordirland) 16,5 Mio. Haushalte, was einem Anteil von 65% entspricht, 2008 einen Internetzugang. Seit 2002 ist die Zahl der Internethaushalte um 5 Mio. oder 46% gewachsen. Davon haben wiederum 56% einen Breitbandinternetzugang. Zudem verdoppelt sich die Speicherkapazität der Rechner alle zwei Jahre. Mittlerweile sind Harddrives mit einer Speicherkapazität von 1 Terabyte State-of-the-Art, sodass ca. 200.000 MP3-Files gespeichert werden können. Allerdings belastet der Traffic von P2P-File-Sharing-Netzwerken die Kapazitäten der Internet Service Provider überproportional. Weiters werden IFPI-Zahlen wiedergegeben, die behaupten, dass weltweit 95% der Musik, die herunter geladen wird, nicht autorisiert ist (in Großbritannien sind es 85%). So beklagt die britische IFPI einen Verlust von £ 1,2 Mrd. in den nächsten fünf Jahren, der auf den unautorisierten Download zurückzuführen wäre.Es wird auch eine von der britischen IFPI im Auftrag gegebene Studie zitiert, die davon ausgeht, dass zumindest 16% der britischen Bevölkerung File-Sharing betrieben wird. Weltweit betrachtet hat die Zahl der Torrent-Nutzer nach Angaben der Betreiber sich von 2007 auf 2008 mehr als verdoppelt.

Die File-Sharing-Systeme haben sich aber auch mit der Zeit gewandelt. Während die erste Generation von Tauschbörsen (z.B. Napster) noch einen zentralen Server nutzten, so verlagerte sich der Tausch von Files bei der zweiten Generation auf die Ebene der einzelnen Nutzer. Die dritte Generation von File-Sharing-Netzwerken  ermöglicht zusätzlich eine Anonymisierung der Tauschakte, sodass eine juristische Verfolgung immer schwieriger wird. Nun ist bereits die vierte Generation von Netzwerken aktiv, in denen nicht nur die Anonymität der Nutzer gewahrt bleibt, sondern die digitalen Inhalten nur mehr als Stream übers Netzwerk verschickt wird und somit gar nicht mehr auf dem Computer des Netzusers gespeichert werden muss. Mit einer relativ einfachen Aufnahmesoftware kann dann der Stream mitgeschnitten und in ein MP3-File umgewandelt werden.

Es gibt aber neben den klassischen File-Sharing-Netzwerken mittlerweile aber auch schon Data-Warehouse-Angbote, die darin bestehen, dass die Files auf einen Remote-Server („One-click-hoster“) geladen werden, der dann von Uploader und Downloader mit ein und derselben URL-Adresse angesteuert werden kann. Viele Musik-Blogs bedienen sich dieser Data-Warehouses, indem sie ganze Linklisten dazu anbieten. Ein Beispiel dafür ist das deutsche One-Click-Hoster Rapidshare, der von der Schweiz aus operiert. Rapidshare ist weltweit bereits die 15. häufigst genutzte Website.

Ergänzt wird das Angebot durch Social Networking-Sites wie Facebook, MySapce oder Bebo, diversen Musik-Blogs und –Podcasts, Mikro-Blogs wie Twitter und Tumblr, Wikis sowie Bild- und Video-Sharing-Sites. Die dabei zur Anwendung gebrachten Technologien sind schon so nutzerfreundlich, dass kaum mehr besonderer Kenntnisse mehr bedarf diese zu bedienen.

Insgesamt bringt dieser Abschnitt für den Eingeweihten keine neuen Erkenntnisse und entspricht im Großen und Ganzen dem Basiswissen eines halbwegs informierten Internetusers. Spannender sind da schon die Ausführungen im nächsten Abschnitt über das sich ändernde Konsumentenverhalten.

(b) Konsumenteneinstellungen und –verhalten

Bei der Aufarbeitung der Sekundärliteratur greifen die Autoren wieder auf das schon im ersten Teil des Berichts eingesetzte Instrumentarium der mit Sternen bewerteten Aussagen zurück.

Downloading is an ethically confused activity, CIBER-Rating: *****

Diese Aussage wird mit Hilfe vieler Textzitate und Literaturquellen zu untermauern versucht. Dabei sehen die Autoren drei verschiedenen Nutzergruppen: (1) jene, die über urheberrechtliche Fragen nicht informiert sind; (2) jene, die urheberrechtliche Fragen Bescheid wissen, aber bewusst die rechtlichen Implikationen ignorieren und (3) jene, davon ausgehen, dass der Download von urheberrechtlich geschütztem Material kein Verbrechen (Vergehen) darstellt. Bei den letzten beiden Positionen sehen die Autoren die „Zwei-Welten-Theorie“ bestätigt, die besagt, dass sich die Werte und Normen im Cyperspace quantitativ wie auch qualitativ von jenen der „realen“ Welt unterscheiden. Sie schließen sich mit der Meinung jener Autoren an, die davon ausgehen, „(…) that cyperspace exists as a separate realm to the physical world, and may have developed an ethical culture of ist own.“ (S. 43).

Many people believe that illegal downloading is a ‚victimless’ crime, CIBER-Rating: *****

Aus den vorliegenden Studien ziehen die Autoren den Schluss, dass der Großteil der Nutzer sich zwar bewusst ist, dass sie Gesetze mit ihrem Tun übertreten, dass es aber real keine Opfer gibt. Die Autoren erklären das mit der „Neutralisierungstheorie“, wonach die File-Sharer ihr Handeln mit vier Argumenten rechtfertigen: (1) Leugnung der Verantwortung, weil die entscheidenden Faktoren nicht im Einflussbereich des eigenen Handels liegen; (2) Leugnung der Schädigung, weil durch das File-Sharing niemandem ein Schaden erwächst; (3) Kritik an den Kritiker des gesetzeswidrigen Handelns, denen unlautere Absichten unterstellt werden und (4) Verweis auf übergeordnete Loyalitäten, d.h. man lädt Inhalte herunter, um Familienmitgliedern und Freunden eine Freunde zu machen.

 Personal and situational factors affect propensities to commit illegal content activity, CIBER-Rating: ****

Es gibt situative Faktoren, die das File-Sharing begünstigen und solche, die es behindern. So ist jemand, der mit der herrschenden Rechtslage vertraut ist, weniger bereit File-Sharing zu betreiben als jemand, der sich nicht gut auskennt. Allerdings spricht dagegen, dass der durchschnittliche Downloader 7 Jahre an File-Sharing-Erfahrung hat und somit auch genügend Zeit, um sich mit den gesetzlichen Restriktionen auseinander zu setzen. Zudem hat die Meinung von Peers aber auch Familienmitgliedern einen starken Einfluss darauf, ob jemand affin gegenüber File-Sharing ist oder nicht. Insgesamt kann der Schluss gezogen werden, dass File-Sharing vor allem ein soziales und weniger ein ökonomisches Phänomen ist, weil es weniger mit der Absicht Geld zu sparen, sondern mit dem Motiv in einen sozialen Austausch zu treten verbunden ist. Schließlich ist das File-Sharing per se eine soziale Tätigkeit, die eben nicht nur das passive Downloaden beinhaltet, sondern auch das aktive Uploaden, worin ja gerade der Sinn des Tauschens besteht.

Es werden aber auch personelle Faktoren identifiziert, die das File-Sharing stützen. So gibt es Studien, die zeigen, dass jene Personen, die aus prekären sozialen Verhältnissen stammen, eine höhere Affinität zum File-Sharing haben, weil sie ein geringeres Ausmaß an Selbstkontrolle aufweisen und daher leichter dafür anfällig sind, krimineller Akte zu setzen, wenn sich die Möglichkeit dazu bieten und die Gefahr erwischt zu werden als gering eingestuft wird. Die Autoren verweisen dabei auf eine Studie von Higgins et al. (2008), in der Personen zur Piraterie neigen, „(…) because they are impulsive and unable to wait to purchase a copy of the digital media.“ (S. 49).

Das ist eine ziemlich gewagte Schlussfolgerung und würde nahelegen, dass die vielen Millionen File-Sharer, die täglich weltweit Content untereinander austauschen, triebgesteuerte Individuen sind, die insgesamt zu kriminellen Akten neigen und ihre kriminellen Energien im File-Sharing ausleben. Ich halte es für höchst problematisch, wenn Studien, die einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, solche Zusammenhänge herstellen, die bei genauer Betrachtung jeglicher Grundlage entbehren. Es passt aber natürlich ins Bild der Industrievertreter, die nichts unversucht lassen, um Tauschbörsennutzer zu kriminalisieren und als Verbrecher darzustellen.

Many people feel anonymous online and act as through no one is watching them when they misbehave,  CIBER-Rating: *****

Die Anonymität im Internet führt auch zu einer Entpersonalisierung und damit zu einem Verlust von Verantwortungsgefühl, was verbotene und unerwünschte Verhaltensweisen fördert. Auf der anderen Seite führen Social Community Angebote auch dazu, dass freizügig mit persönlichen Daten umgegangen wird und genau das Gegenteil von Entpersonalisierung stattfindet. Zudem muss bedacht werden, dass es aufgrund der IP-Adressen und der Log-Files leicht möglich ist nachzuvollziehen, wer wann wo im Internet unterwegs und die Anonymität im Netz eine relative ist. Anonym bleiben kann nur derjenige, der sehr gute Kenntnisse vom Internet und seiner Funktionsweise hat. Der Großteil der User wiegt sich nur im Gefühl der Anonymität ohne es aber letztendlich zu sein.

Peer pressure and the ‚sharing culture’ are major determinants of illicit online activity, CIBER-rating: ****

Für Jugendliche bietet der Cyberspace einen Raum, im dem sie ungestört von den Erwachsenen untereinander interagieren können. Sie erlernen dabei den Umgang mit dem Internet nicht in der Schule oder von den Eltern, sondern von den Gleichaltrigen. Es hat sich dementsprechend auch eine neue Art des kommunikativen Verhaltens unter den Jugendlichen heraus gebildet, das auf ganz spezifischen Werten und Normen vor einem neuen sozialen Kontext beruht. Dazu gehört auch der Austausch von Informationen in Form von Dateien übers Netz. Die Autoren beziehen sich auf psychologische Untersuchungen, dass bezüglich Musik nicht mehr die Plattensammlung Identität stiftend wirkt und Teil einer kulturellen Autobiografie ist, sondern die Sammlung von digitalen Musik-Files. Allerdings erfordert der Erwerb von MP3-Musikdateien kaum mehr ökonomische Ressourcen, hingegen aber sehr viel soziales Kapital. Die auf einer Computerfestplatte gesammelten Musikfiles entsprechen auch nicht mehr der klassischen Vorstellung von Eigentum, wie das noch bei den CD- und Schallplattensammlungen der Fall war, sondern „[d]igital ownership of music is more about the listening experience itself than about painstaking compilation of material collections.” “This means that owners are able to be more adventurous, to sample a wide variety of different music without restricting their consumption to a relatively small set of artists and genres.” (S. 53). Es ist nun einmal einfacher die Lieblingsmusik auf den iPod zu übertragen, um sie dann an die Freunde weiterzugeben als CDs oder Schallplatten zu verleihen. In diesem Sinn „(…) digital music collections make music consumption a more social activity and encourage a pluralistic musical outlook, particularly in younger owners.“ (S. 54). So werden Investitionen in das Eigentum von Musik in Form von Tonträgern umgewandelt in Investitionen in soziale Netzwerke und Beziehungen.

Das sind die bemerkenswertesten Aussagen, die die Studienautoren aus der Sekundärliteratur gewinnen und auf den wohl wichtigsten Aspekt des File-Sharing verweisen. Es handelt sich eben nicht um einen bewussten Eigentumsdelikt mit Schädigungsabsicht, wie ihn die klassische Produktpiraterie darstellt – und daher ist auch der Vergleich mit materiellen Eigentumsdelikten untragbar –, sondern File-Sharing ist eine neue Form sozialen Verhaltens, das an sehr restriktive gesetzliche Grenzen stößt, die noch dazu immer enger gezogen werden. Aber genau das ist der falsche Weg. Rechtliche Rahmenbedingungen sollten immer auch die Lebensrealität berücksichtigen und nicht in Kauf nehmen, dass weite Kreise der Bevölkerung potenziell kriminalisiert werden. In diesem Sinn sind die rechtlichen Grenzen weiter zu ziehen und File-Sharing als legitimes soziales Verhalten akzeptiert werden. Im Gegenzug sind natürlich Maßnahmen zu treffen, die wie die Einführung einer Musik-Flatrate, den Musikschaffenden zu Gute kommen.

 Kurz erwähnt sei noch, dass im dritten und letzten Teil die Autoren mit vielen Sceenshots dokumentieren, wie einfach es ist, sich bei Pirate Bay Musik und Filme herunter zu laden und wie YouTube und ähnliche Social Community Sites funktionieren.

Fast man den Bericht zusammen, so muss gesagt werden, dass die ökonomischen Wirkungen des File-Sharings darin kaum berücksichtigt sind, was auch durch eine Aussage auf Seite 54 untermauert wird: „We did not research online pricing mechanisms and business models.“ Es sollten also auch keine Schlüsse in dieser Hinsicht gezogen werden. Der Schwerpunkt liegt vielmehr in der Untersuchung der Motive und Einstellungen, die hinter dem File-Sharing liegen und die in der wissenschaftlichen Literatur bereits ausführlich diskutiert wurden. Selbst leisten die Autoren des Reports nur einen sehr bescheidenen Beitrag zur Erweiterung dieser Erkenntnisse, in dem sie sehr viel Sekundärmaterial gesichtet und analysiert haben. Dementsprechend umfangreich fällt auch die Bibliografie aus. Allerdings finden sich dort nur 4 von jenen 15 Studien, die sich mit den ökonomischen Wirkungen des Musik-File-Sharing beschäftigen, und die ich in der Serie „Wie böse ist das File-Sharing“ kritisch reflektiert habe. So finden die zentralen Arbeiten von Oberholzer-Gee/Strumpf oder von Blackburn ebenso keine Erwähnung wie die aktuelle Studie über das File-Sharing in den Niederlanden oder der kanadische Report zu den Musiktauschbörsen. Aber auch die File-Sharing-kritischen Beiträge von Leibowitz oder Rob und Waldfogel bleiben unerwähnt und so muss man doch konstatieren, dass die selbstbewusste Behauptung alle wesentlichen Beiträge zu dieser Frage berücksichtigt zu haben, zurück gewiesen werden muss. Denn, und da wiederhole ich mich, die Studie hat nur wenig zu den ökonomischen Wirkungen des File-Sharing zu sagen.

Hunt, Robin, Peter Williams, Ian Rowlands und David Nicholas, 2009, Copycats? Digital Consumers in the Online-Age. CIBER-Report des Department of Information Studies des University College London  im Auftrag des Strategic Advisory Board for Intellectual Property Policy (SABIP), Mai 2009.


3 Responses to “Neue britische Studie zum File-Sharing”


  1. 1 Ralph W.
    17. Juni 2009 um 11:38 am

    MMn. ist die Studie eine schöne Zusammenfassung des allgemeines Wissens zur Thematik und wie du schon bemerkt hast, wird scheinbar viel Sekundärmaterial durchgekaut. Aber vielleicht dürfte es daher gerade für Unwissende interessant sein …🙂


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