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Die Arbeits- und Produktionsbedingungen der Wiener Jazzszene: Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 20. Mai 2009

Im heutigen Musikwirtschafts-Jour-fixe hat Stefanie Bramböck die zentralen Ergebnisse ihrer hervorragenden Diplomarbeit mit dem Titel “Die Wiener Jazzszene. Wachstumspotenziale durch Arbeits- und Produktionsbedingungen einer Jazzszene”  präsentiert und zur Diskussion gestellt. Bemerkenswert war dabei die einleitende  Aussage, dass Wien von außerhalb als die Jazzmetropole Nr. 1 in Europa gesehen wird, was sich nicht unbedingt in der Selbsteinschätzung der Wiener Jazzszene wiederspiegelt. Das liegt wohl auch daran, dass die Arbeits- und Produktionsbedingungen als nicht sehr einfach empfunden werden und sich die öffentlichen Förderungen vor allem in der Erhaltung der Infrastruktur erschöpfen. Wie nun diese Rahmenbedingungen in Wien beschaffen sind, kann in der Folge nachgelesen werden.

Präsentation von Stefanie Bramböck: Die Wiener Jazzszene

Die Arbeitsbedingungen in der Wiener Jazzszene

Stefanie Bramböck orientierte sich bei der Untersuchung der Arbeits- und Produktionsbedingungen der Wiener Jazzszene am Szene-Konzept von Hitzler, das im Kern in einer Repräsentations-, Organisations- und Reflexionselite besteht, die einbettet in die Gruppe der Szenegänger und des Publikums im weitesten Sinn agiert.

Im Fall der Wiener Jazzszene bilden die JazzmusikerInnen die Repräsentationselite, die sich dank der zahlreichen (akademischen) Ausbildungsmöglichkeiten in Wien durch sehr hohe künstlerische Fähigkeiten und Kompetenzen auszeichnet. Gerade das führt aber zu einem harten Wettbewerb, in dem sich Einnahmen in erster Linie aus Live-Konzerten und in zweiter Linie aus Unterricht und Kompositionsaufträgen generieren lassen, die aber nur selten für den Lebensunterhalt ausreichen.

Die Organisationselite sind die KonzertveranstalterInnen, die in Wien mit einer sehr lebendigen Jazzclub-Szene, mit Auftrittmöglichkeiten in den klassischen Konzerthäusern bzw. in der Oper (Jazzfest Wien) und mit dem international sehr renommierten Jazzclub Porgy & Bess sehr vielfältig vertreten ist, wenn auch der organisatorische „Mittelbau“ mit professionellem Equipment und fixer Gage fehlt. Die wenigen Jazzvermittler bzw- agenturen, die ebenfalls zur Organisationselite zählen, haben mit dem Problem zu kämpfen, dass der Marktwert der MusikerInnen und somit die Gagen niedrig sind, was sich in einer sehr niedrigen Gewinnmarge niederschlägt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Großteil der JazzmusikerInnen in Wien sich mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind, selbst managen muss.

Die Reflexionselite, die sich aus der Medienszene rekrutiert und journalistisch über die Wiener Jazzszene berichtet, ist was Printmedien und Hörfunk (Ö1 und freie Radios) anlangt durchaus gut vertreten, wenn auch vor allem im öffentlich rechtlichen Rundfunk die Tendenz besteht, Jazzsendungen in Randbereiche des Programms zu verlegen. So gut wie gar nicht ist das Jazz und somit auch die Wiener Jazzszene im ORF-Fernsehen oder in den privaten TV-Sendern vertreten. In diesem Zusammenhang wird von der Szene selbst der Ruf nach der Ausübung der öffentlich-rechtlichen Bildungs- und Kulturauftrags des ORF laut.

Die Produktionsbedingungen der Wiener Jazzszene

 Mit rund 2% sind Jazz-Produktionen im österreichischen Musikmarkt (Tonträger und digitale Musikverwertung) nur sehr schwach aber dafür konstant über die Jahre hinweg vertreten. Die in Österreich tätigen Majors spielen so gut wie keine Rolle bei der Vermarktung von heimischen Jazzproduktionen, die somit fast gänzlich in der Hand von Independent- sowie KünstlerInnen-Labels liegt. Es fehlt demzufolge an wirtschaftlicher Durchschlagskraft und an Internationalität, die nach schwedischem Vorbild in einer Kooperation zwischen Indies und Majors in Form von „open production systems“ liegen könnte. Dabei bringen die Indies ihre Szenekompetenzen und die Majors ihre internationalen Vermarktungspotenziale ein, um gemeinsam heimische Produktionen international sichtbar zu machen. Um dieses Manko auszugleichen, bedienen sich sehr viele der Wiener JazzmusikerInnen der Vermarktungs- und Promotionsmöglichkeiten, die das Internet in Form von Social Community Sites (wie Myspace oder YouTube) bietet. Die CD ist ohnehin keine relevante Einnahmequelle und wird lediglich als musikalische Visitkarte verwendet. Die Hauptquelle des Einkommens fließt, wie schon oben erwähnt, aus den Live-Auftritten.

Die öffentlichen Förderungen für die Wiener Jazzszene

Eines kann  vorweg schon gesagt werden. Dass nämlich die öffentlichen Zuwendungen nicht der Grund für die sehr vielfältige und lebendige Jazzszene in Wien ist. Die beiden Hauptförderer, Bund und Stadt Wien, zeichnen sich durch die Erhaltung von Strukturen und weniger durch Einzelförderungen aus. Der Bund hat zudem im Zeitraum von 1998 bis 2004 real immer weniger an Subventionen ausgeschüttet, vor allem wenn die Investitionsförderungen aus der Betrachtung ausgeklammert werden. Der Tiefststand wurde 2004 mit rund real (Basis: 1996) 200.000 Euro gemessen. Erst in den letzten Jahren, insbesondere 2007 haben sich die Zuwendungen an die Wiener Jazzszene wieder erhöht und liegen real bei rund 300.000 Euro, was aber nur rund 4% der gesamten Musikförderung auf Bundesebene ausmacht. Die Förderungen der Stadt Wien blieben zwar über den Zeitraum von 1996 bis 2007 inflationsbereinigt in einer Spanne von 500.000 bis 580.000 Euro nahezu konstant, aber die Förderempfänger waren jedes Jahr immer die gleichen 5-6 Institutionen. Einzelförderungen wurden zudem so gut wie gar keine gewährt. Der Anteil von 3% an den gesamten Musikförderungen der Stadt Wien ist dementsprechend gering.

Hingegen weist die Förderentwicklung des SKE-Fonds der AustroMechana, der vor allem Produktionsförderung betreibt, vor allem in den letzten Jahren eine positive Entwicklung auf. 2007 konnte mit real rund 115.000 Euro ein historischer Höchstwert erzielt werden, der sich mit einem Anteil von rund 10% aller geförderten Musikproduktionen niederschlägt. Demgegenüber übt sich der Österreichische Musikfonds mit der Förderung heimischer Jazzproduktionen in Zurückhaltung. Von bisher 178 Förderzusagen entfielen lediglich nur 10 auf Jazzproduktionen, die allesamt von gut etablierten MusikerInnen getragen wurden.

Insgesamt zeigt die heutige Präsentation, dass die Außenwahrnehmung von Wien als der Jazzmetropole Nr. 1 in Europa sich nicht in den Arbeits- und Produktionsbedingungen der Wiener Jazzszene wiederspiegelt. Es besteht zwar eine gute und international herzeigbare Infrastruktur an Jazzveranstaltern und auch die Medienberichterstattung ist, sieht man einmal von der fehlenden TV-Präsenz ab, nicht schlecht, aber der Großteil der MusikerInnen findet mit seinen künstlerischen Aktivitäten nicht das finanzielle Auslangen.

Wie die Vortragende des heutigen Tages die Situation einschätzt, kann hoffentlich bald hier nachgelesen werden.


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