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Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 17

Die British Music Rights ist das Sprachrohr für 34.500 Komponisten und Textautoren sowie 2.500 Musikverleger und die zuständige Verwertungsgesellschaft und hat 2008 bei der University of Hertfordshire eine Studie über die Musiknutzung von Jugendlichen über 14 Jahren in Auftrag gegeben. Befragt wurden 1.158 Jugendliche in ganz Großbritannien, wobei 773 Fragebögen vollständig ausgewertet werden konnten. Differenziert wurden die Ergebnisse zwischen den Altersgruppen der 14-17jährigen, 18-24jährigen und über 25jährigen.

Ich möchte nun in der Folge nicht alle Ergebnisse präsentieren, sondern den Fokus auf jene Daten legen, die für die Frage des File-Sharing-Verhaltens von Jugendlichen von Bedeutung sind. Hier geht es zu den Ergebnissen.

–         92% aller 14-17jährigen besitzen einen MP3-Player; bei den 18-24jährigen sind es „nur“ 84%.

–         Von allen Befragten gaben 63% an, Musik über File-Sharing-Netzwerke bezogen zu haben. Durchschnittlich wurden über alle Altersgruppen hinweg pro Person 53 Tracks im Monat herunter geladen, wobei Spitzenwerte pro Person von bis zu 5.000 Tracks genannt wurden. Die größte Gruppe ist jene der 18-24jährigen, in der 69,1% File-Sharing betrieben haben. Bei den 14-17jährigen waren es 55,3% und bei den über 25jährigen 39,5%. Bei der Download-Intensität führen aber die 14-17jährigen mit durchschnittlich 73 Tracks pro Monat vor den 18-24jährigen mit 56 Tracks pro Monat und den über 25jährigen mit monatlich 27 Tracks.

–         Als Hauptgründe für das Musik-File-Sharing wurden angegeben, dass es kostenlos ist (über 70%), dass man seltenes und unveröffentlichtes Material finden möchte (über 60%) und dass man Probe hören möchte, bevor man kauft (über 60%). Weniger wichtig war, dass man Musik bekommt, die knapp vor der Veröffentlichung steht (über 40%) und dass der Track vom Urheber verfügbar gemacht wurde (über 10%).

–         Rund 42% der File-Sharer haben zudem Musik in Tauschbörsen via Upload angeboten, wobei der Anteil bei den 14-17jährigen sowie bei 18-25jährigen bei über 40% hingegen bei den über 25jährigen über 20% liegt.

–         Als Hauptmotive für das Uploaden wurde genannt: Gegenleistung für Musik, die man bekommt (über 70%), Musikempfehlung (über 40%), Musiktitel ist nicht leicht zu bekommen (über 40%). Weniger wichtig waren: Musik verfügbar machen vor dem Release (an die 30%), es geschieht automatisch (an die 30%), erlaubt und verbessert Download (um die 25%). „Musik ist zu teuer“ bzw. die Empfehlung eines bestimmten Musikgenres liegen bei nur rund 10%.

–         Der mit Abstand meist genannte Grund, warum nicht upgeloaded wurde war, dass man ein Sicherheitsrisiko befürchtet (27%). Erwischt und bestraft zu werden fürchten hingegen nur 15%. Und knapp über 10% gaben an, dass Künstler eine faire Entschädigung erhalten sollten.

–         Die durchschnittliche MP3-Musiksammlung umfasst 1.770 Tracks. In Einzelfällen wurden aber auch 75.000 und mehr Tracks angegeben. Von den 1.770 Tracks wurden 48% oder 842 Tracks nicht käuflich erworben, was aber nicht automatisch bedeutet, dass sie unautorisiert über File-Sharing beschafft wurden. Immerhin wurden 52% oder 929 Tracks auch bezahlt. Allerdings ist der Anteil der „unbezahlten“ Tracks bei den 14-17jährigen mit 61% am höchsten. Bei den 18-24jährigen liegt der Anteil bei 50% und bei den über 25jährigen bei 13%.

–         60% der Ausgaben für Musik entfallen auf Konzertkarten und Merchandising-Artikel, wohingegen nur 40% der Ausgaben in Musikaufnahmen (recorded music) fließen.

–         Von den Ausgaben, die in Musikaufnahmen fließen, gehen 62% in den Kauf von CDs, 26% in den Erwerb von kostenpflichtigen Downloads, 2% in Musik-Onlineabos und 10% in Second-Hand-Ware. Bei den über 25jährigen dominieren die Ausgaben für CDs mit 72%, gefolgt vom kostenpflichtigen Download (17%), der Second-Hand-Ware (11%) und dem Musikabo (1%). Bei den 18-24jährigen sind es nur mehr 64% der Ausgaben, die in den CD-Kauf fließen, gefolgt von 26% für Downloads, 9% für Second-Hand-Ware und 2% für Onlineabos. Und schließlich fließen bei den 14-17jährigen nur mehr 51% der Ausgaben für Musikaufnahmen in CDs, 34% in kostenpflichtige Downloads, 9% in Musik-Onlineabos und 7% in Second-Hand-Ware.

–         56,1% der Befragten in allen Altergruppen würde eine Art Musik-Flatrate befürworten. 90% der Befürworter wollen, dass die Flatrate vor allem den Komponisten, Textautoren und Interpreten zugute kommen soll.

–         74% wünschen sich sogar eine legale Form des File-Sharing, wobei der Anteil bei den aktiven File-Sharern mit 80% wesentlich höher liegt als bei den Nicht-File-Sharers (63%). Weiters geben 63% der File-Sharer an, dass sie CDs kaufen würden auch wenn legale Tauschbörsen zugelassen wären.

–         Als Motive für den CD-Kaufen werden angegeben: Besitz eines physischen Tonträgers (an die 50%), Artwork/Booklet/Lyrics (um die 45%) und Unterstützung/Respekt für den Künstler (knapp über 20%). Hingegen spielen die Wiedergabequalität, der Sammlerwert und Sicherheitsaspekte so gut wie keine Rolle.

Was kann man nun aus diesen Daten für unsere Frage nach der Auswirkung des File-Sharing auf den CD-Absatz herauslesen? Es wird klar, dass eine 1:1 Substitution zwischen unautorisiertem Download und Tonträgerabsatz nicht haltbar ist. Ganz im Gegenteil, das Sampling-Motiv (d.h. das Probehören zum Zweck des CD-Kaufs) ist mit 60% ein Hauptgrund für das Nutzen von File-Sharing-Netzwerken. Der Substitutionseffekt wurde zwar nicht direkt abgefragt, scheint aber schwächer ausgeprägt zu sein als der Sampling-Effekt. Zumindest gibt die große Mehrheit der File-Sharer an auch weiterhin CDs kaufen zu wollen, wenn es legale Musiktauschbörsen gäbe. Aus den Daten lassen sich nur sehr schwache Indizien finden, dass man einen Schaden für die Musikschaffenden in Kauf nimmt. Lediglich das Motiv, Musik vor dem eigentlichen Release-Termin zugänglich zu machen, fällt mit knapp über 40% stärker ins Gewicht. Dennoch zeigen sich bei den File-Sharern starke soziale Motive wie die Reziprozität (gibst Du mir, geb ich Dir), das Musikempfehlen und das Zugänglichmachen von Musik, die nur sehr schwer erhältlich ist. Da passt es auch ins Bild, dass ein Großteil auch für die Einführung einer Musik-Flaterate plädiert und wünscht, dass die Musikschaffenden davon profitieren sollen.

Aus den Umfrageergebnissen lässt sich aber auch herauslesen, dass sich das Musikkonsum-Verhalten verändert hat. Während die über 25jährigen noch stark dem Tonträger als wichtigstes Musikmedium anhängen, spielt dieser bei den Ausgaben der 14-17jährigen keine viel größere Rolle mehr als kostenpflichtige Downloads und Online-Musikabos. Darüber hinaus stützt die Befragung die These, dass sich das Musikbudget weg vom Tonträger und hin zum Konzert verschoben hat. Die Studie ist also ein guter Beleg dafür, dass sich das Musikkonsumverhalten bei den Jugendlichen nachhaltig verändert hat und schon allein deswegen die starre Argumentation, dass File-Sharing einen Crowding-out-Effekt für den Tonträgerabsatz hat, nicht haltbar ist.

Quellenangabe:

Studie der University of Hertfordshire „Music Experience and Behaviour in Young People. Main Findings and Conclusions” im Auftrag der British Music Rights (BMR), Frühjahr 2008.


2 Responses to “Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 17”


  1. 15. Mai 2009 um 7:46 pm

    Ein Link zum Thema veränderter Musikonsum
    Kathrin Passig (Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Riesenmaschine):

    „Mein CD-Player ist vor vielen Jahren kaputtgegangen. Ich habe also meine CDs in MP3s umgerechnet und die CDs anschließend dem Antiquariat der Berliner Straßenzeitung Motz geschenkt. 2006 habe ich schließlich meine MP3-Sammlung absichtlich gelöscht, bis auf bei Last.fm nicht zu findende Sachen. Das war Teil der Trennung von Besitz. Denn selbst eine MP3-Sammlung macht noch Arbeit, man muss die Tracks einheitlich benennen, ID3-Tags reparieren und Back-Ups anlegen. Last.fm bringt dasselbe Ergebnis: Es spielt mir Musik vor, die ich gern höre, ich muss mich aber nicht mit lästigem Besitz herumschlagen. Außerdem schützt Last.fm vor albernen Ansichten wie ›im Vergleich zu 1980 ist die Musik insgesamt langweiliger geworden‹, vor denen ja selbst Musikchecker nicht gefeit sind.“
    http://www.spex.de/t2/397/artikel.html


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