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Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 16

Im Februar 2009 publizierte die schwedische Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Textautoren und Musikverleger – Svenska Tonsättares Internationella Musikbyrå (STIM) – eine Studie über das File-Sharing-Verhalten in der schwedischen Bevölkerung. Die Studie besteht auch zwei Teilen: (1) die Ergebnisse aus einer online gestützten Befragung unter 1.123 schwedischen File-Sharern und (2) die Erkenntnisse aus einem Feldversuch mit einer legalen Musiktauschbörse unter Universitätsstudenten. Die Ergebnisse habe ich in der Folge zusammengefasst.

Die Online-Befragung zum File-Sharing

Die Befragung wurde vom 30. Dezember 2008 bis 15. Januar 2009 online auf 250 Internetseiten durchgeführt ohne den Anspruch auf Repräsentativität zu stellen. 33% der Befragten waren Frauen, 67% Männer. 18% waren jünger als 18 Jahre, 35% zwischen 18 und 29 Jahre und 47% alter als 29 Jahre. Ein Viertel der Befragten haben mehr als 5.000 Musikfiles auf ihrem Computer, 33% zwischen 1.000 und 5.000 und 41% weniger als 1.000 Musikstücke in digitaler Form auf der Festplatte. 33% der Befragten haben für weniger als ein Zehntel der Stücke ihrer digitalen Musiksammlung bezahlt; 25% bezahlten für 10-50% der online erworbenen Tracks und 42% haben mehr als 50% der Musikstücke auf ihrem Computer käuflich erworben. Das sind einmal die Eckdaten. Nun aber zur File-Sharing-Nutzung im Detail:

–         82,8% der File-Sharer konsumieren die herunter geladenen Files gleich direkt am Computer; 55,8% laden sich die Musikstücke auf ihren MP3-Player, 34,6% auf ihr Handy; nur 27,4% brennen sich eine CD und 17,8% geben die Tracks auch an Freunde weiter.

–         Als Vorteile eines legalen Online-Musik-Shops wurden genannt: dass der Erwerb der Musik legal ist (74,7%), dass die Musikstücke eine hohe Soundqualität aufweisen (49,7%), dass keine Viren-Gefahr besteht (37,8%) und dass man auf den Websites die gesuchte Musik leicht findet (23,9%). Als Nachteile wurden genannt: Die Musik-Files sind zu teuer (62,7%), die Webshops haben nicht immer alles, was man sucht (61,4%), oft ist Musik nur mit DRM-Schutz verfügbar (38,9%) und die angebotenen Musikformate können nicht auf allen Geräten abgespielt werden (38,8%).

–         Für das File-Sharing wurden folgende Vorteile gesehen: Musik ist frei verfügbar (73,8%), es ist einfach (58,7%), man kann die Files überall speichern (49,5%) und man findet so gut wie alles, was man sucht (48,5%). Als größte Nachteile werden gesehen: es ist illegal (66,2%), die Musikschaffenden werden nicht kompensiert (65,0%), Viren-Gefahr (60,9%), man bekommt schlechte und korrupte Files (47,6%), man bekommt Files mit dem falschen Inhalt (41,3%) und die Files sind nicht immer vollständig (40,3%).

–         Das Streaming-Verhalten wurde auch abgefragt, wobei 44,2% kein Streaming-Angebot bislang genutzt hat. Ansonsten führen Spotify mit 34,4% und Last.fm mit 31,6% die Hitliste der beliebtesten Musik-Streaming-Angebote an.

–         Als Vorteil von Streaming wird gesehen, dass die Musik stets verfügbar ist (49,6%); das man so gut wie alles findet (37,7%), man seine eigenen Playlists zusammen stellen kann (33,9%), die Musik an andere weiter empfehlen kann (24,3%) und die Sound-Qualität besser ist als von MP3-Files (12,5%). Als größter Nachteil wird empfunden, dass man stets online sein muss (58,7%), dass man die Musik nur über Computer bzw. Handy anhören kann (47,6%) und die Musik-Files nicht kopiert und transferiert werden können (43,7%).

–         Auf die Frage, ob eine legale Musiktauschbörse gegen Entrichtung einer Abo-Gebühr, wünschenswert wäre, stimmten mehr als 80% der Befragten zu, unabhängig davon, ob sie viele Musik-Files auf ihrem Computer haben oder nicht bzw. ob für den Großteil der Tracks bezahlt wurde oder nicht.

–         Mehr als 50% der Befragten wären bereit, zwischen 50 und 150 schwedische Kronen pro Monat (4,80 bis 14,50 EUR) für eine kostenpflichtige Musiktauschbörse zu bezahlen. Nur 7,4% sind überhaupt nicht bereit für File-Sharing zu bezahlen.

Feldversuch: legale Musiktauschbörse

In Ergänzung zur Befragung hat die STIM in Zusammenarbeit mit der Universität Kalmar einen Feldversuch zur technischen Umsetzung einer legalen Musiktauschbörse durchgeführt. Der Versuch lief vom 1. Dezember 2008 bis 3. Januar 2009 mit dem Ziel die technische Stabilität eines solchen Systems zu testen. Als Plattform wurde der Audioscrobbler gewählt, der auch die technische Basis für das „Internetradio“ Last.fm ist. Insgesamt wurden 14 User erfasst, wobei die Nutzungsintensität von 42 Files pro Tag bis 1 File pro Tag variierte. Insgesamt wurden 14.906 Musik-Files herunter geladen. Das Ergebnis des Tests war sehr befriedigend. Audioscobbling ist stabil genug für ein File-Sharing-Netzwerk und die Nutzer müssen keine Applikationen installieren. Alles läuft über den Internet Service Provider. Während der gesamten Testphase wurden keine fehlerhaften Files oder Zuordnungen registriert. Die Anwendung wurde von allen Probanden sehr positiv bewertet.

Kommentar

Es ist schon bemerkenswert, dass eine Verwertungsgesellschaft nicht nur eine Befragung zum File-Sharing durchführen lässt, sondern gleich auch noch einen Feldversuch mit einer legalen Musiktauschbörse startet. File-Sharing wird damit vom Geruch des illegalen, verbrecherischen Treibens befreit und einer nüchternen Betrachtung unterzogen. In diesem Sinn kommen die Studienautoren auch zum Schluss, „(…) that the music users on the Net are calling for a subscription that allows for legal sharing of music files.“ Es wären nun die Internet Service Provider (ISPs) am Zug, die Initiative zu ergreifen und Bewegung in die starren Fronten der bedingungslosen Befürworter von File-Sharing und den radikalen Kämpfern dagegen zu bringen.

Klar geht aus der Studie hervor, dass die File-Sharer durchaus eine adäquate Kompensation der Musikschaffenden wünschen. In diesem Sinn ist auch die hohe Zustimmungsrate für eine Musikflatrate oder eine Nutzungsgebühr von über 80% der Befragten zu interpretieren. File-Sharing sollte daher, ganz im Sinn der Studienautoren, als eine weit verbreitete und nachhaltig etablierte Form des Musikkonsums angesehen werden, die man nicht kriminalisieren, sondern als Einnahmequelle für die Musikschaffenden anzapfen sollte.

Quellenangabe:

„Pirates, file-sharers and music users. A survey of the conditions for new music services on the Internet“. Studie im Auftrag der Svenska Tonsättares Internationella Musikbyrå (STIM), 2009.

Im nächsten Teil der Serie werde ich dann die von der British Music Rights bei der University of Herfordshire in Auftrag gegebene Studie über das Musikkonsumverhalten von britischen Jugendlichen präsentieren.


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