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Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 14

Eric S. Boorstin verfasste 2004 eine Masterthesis an der Princeton University mit dem Titel Music Sales in the Age of File Sharing”, in dem er den Zusammenhang zwischen Internetzugang und CD-Verkaufszahlen für 99 Städte in den USA für 1998, 2000 und 2001 erhob. Dabei stellte er fest, dass für die Altersgruppe von 15 bis 24 Jahre der Internetzugang sich signifikant negativ auf den CD-Absatz auswirkt, wohingegen in den Altergruppen über 25 Jahren eine positive Korrelation besteht und er in der Folge zum Schluss kommt, „that file sharing is not the cause of the recent decline in record sales.“ Wie er das begründet, lässt sich in der Folge nachlesen. 

Welche Faktoren beeinflussen den Tonträgerabsatz?

Bevor Boorstin sein Modell entwickelt und die empirische Auswertung vornimmt, versucht er alle anderen Faktoren, außer File-Sharing, die einen Einfluss auf den Tonträgerabsatz haben könnten, auf ihre Aussagekraft hin zu bewerten. Die Preisentwicklung bei CDs spielt seines Erachtens keine Rolle, weil inflationsbereinigt die CD-Preise in den letzten 20 Jahren so gut wie unverändert geblieben sind. Ebenso schließt er aus, dass Einkommensänderungen sich negativ auf den CD-Absatz auswirkten. In Berufung auf Liebowitz (siehe Teil 2) sieht er keine Änderung in der Musikqualität und dem Musikgeschmack, die auf den CD-Absatz Einfluss haben könnte. Etwas anderes ist es, wenn neue Musikformate eingeführt werden. Der Absatz bei den bereits existierenden Formaten wird dann zurückgehen, wenn die neuen Formate von Akteuren außerhalb der Industrie, wie im Fall von MP3 & Co., kommen. Eine Verschiebung in der Altersstruktur hat nach dem Autor auch einen Einfluss auf den Tonträgerabsatz. Er wird negativ sein, wenn immer weniger Teenager immer mehr älteren Personen gegenüberstehen, weil letztere eine geringere Neigung zum Tonträgerkauf haben. Allerdings können die sehr langsamen demografischen Verschiebungen die sehr kurzfristigen Änderungen beim CD-Absatz alleine nicht erklären. Eine sinkende Zahl von Neuerscheinungen kann ebenfalls der Grund für rückläufige CD-Absätze sein. Zu bedenken ist aber, dass sich ein Rückgang in den Absatzzahlen nicht automatisch auf den Umsatz und Gewinn durchschlagen muss. Veränderungen in der Hardware, wie z.B. tragbare Abspielgeräte für Musik können einen positiven Einfluss auf den CD-Absatz haben, wie das nach Einführung des Walkmans und später des tragbaren CD-Spielers der Fall war; er kann aber auch negativ sein, wenn das Abspielgerät, wie im Fall des MP3-Players, die Substituierbarkeit der Tonträger unterstützt. Andere Entertainment-Angebote wie DVD-Filme oder neue Videospiele können sich negativ auf den CD-Absatz auswirken, wenn sie als Substitut von Seiten der Konsumenten gesehen werden und sich das Entertainment-Budget gleichzeitig nicht erhöht. Allerdings relativiert Boorstin diesen Zusammenhang, indem er in Treffen führt, dass Entertainment-Substitute für Musik-CDs in der Boom-Phase die gleiche Wirkung entfalten wie in der Rezession und es keine Anhalte dafür gibt, dass die gegenwärtigen Rückgänge auf das Aufkommen konkurrenzierender Angebote zurück zu führen sind. Schließlich können auch noch Verschiebungen in der Handelsstruktur, z.B. von Einzelhändlern zu Großvertriebsformen, den CD-Absatz negativ beeinflussen, aber da Großbetriebsformen ebenso wie Einzelhändler unter der Absatzkrise leiden, scheint für den Autor auch dieses Argument nicht schlagend genug, um den Absatzrückgang bei CDs zu erklären.

 Ist das File-Sharing die Ursache für den Absatzrückgang bei CDs?

Wenn also alle genannten Faktoren keinen oder keinen wesentlichen Einfluss auf den CD-Absatz haben, dann bleibt eigentlich nur mehr das File-Sharing, so der Autor, der nun daran geht, sein Modell zu entwickeln, das er anschließend empirisch auch noch zu testen versucht. Boorstin sieht beim File-Sharing zwei entgegen gesetzte Wirkungen: den Sampling-Effekt, der es dem Musikkonsumenten erlaubt, neue Musik via Tauschbörsen kennen zu lernen, um die dann käuflich zu erwerben, und den Substitutionseffekt („replacement effect“), bei dem der Download als Ersatz für eine CD angesehen wird. Dabei gilt es zwischen den Produktionen der Majors und kleinen unabhängigen Labels zu unterscheiden. Während letztere vom File-Sharing und dem davon ausgehenden Promotionseffekt profitieren werden, leiden die Umsätze ersterer durch den freien Erwerb von Musik. Es gilt also in der Folge festzustellen, welche Effekt größer ist – Sampling oder Substitution –, um eine Aussage treffen zu können, ob File-Sharing für den gegenwärtigen Absatzrückgang verantwortlich gemacht werden kann.

 Die Alterstruktur hat einen Einfluss auf den CD-Absatz

Das Modell testet Boorstin nun empirisch nach Altergruppen getrennt für 99 US-amerikanische Städte, um herauszufinden, ob der Internetzugang in Korrelation zum CD-Absatz hat. Ausgehend von bereits vorliegenden Studien, die zeigen, dass Teenager eine höhere Neigung zum File-Sharing haben als ältere Semester, formuliert der Autor die These, dass der Internetzugang bei den jüngeren Altergruppen sich deutliche negativer auf den CD-Absatz auswirken muss als bei den Älteren, wobei insgesamt ein negativer Effekt zu erwarten ist.

Als Datenbasis greift Boorstin auf die monatliche Bevölkerungsumfrage der US-amerikanischen Behörde für Volkszählung (CPS) zurück, um die dort erfassten Informationen über die Art des Internetzugangs in Beziehung zu setzen mit den von Nielsen SoundScan wöchentlich berichteten CD-Album-Verkäufen und nach Altergruppen auszuwerten. Insgesamt unterscheidet der Autor im Modell 5 Altersgruppen und zwei Einkommensvariable sowie zwei Dummy-Variable für die Jahre 2000 und 2001, um Marktfaktoren, die im Modell nicht erklärt sind, abtesten zu können. Zusätzlich lässt Boorstin auch noch zahlreiche Robustheitstest laufen, wie z.B. einen Vergleich des CD-Kaufverhaltens zwischen Städten und ländlichen Gebieten oder jenen zwischen den 54 kleinsten und 55 größten Städten.

Die Auswertung zeigt nun, dass der Internetzugang auf den CD-Absatz bei der Altergruppe der 15-25jährigen eine signifikant negative Wirkung hat, wohingegen bei  den über 25jährigen ein signifikant positiver Zusammenhang besteht. Daraus schließt der Autor, dass bei den 15-25jährigen der Substitutionseffekt dominiert, während bei den älteren Internetnutzern der Sampling-Effekt vorherrscht. Über alle Altersgruppen hinweg ergibt sich sogar ein insgesamt positiver hoch signifikanter Zusammenhang zwischen Internetzugang und CD-Absatz. Daran ändern auch die in der Folge durchgeführten Robustheitstests nichts. Wenn also gesamtheitlich kein statistischer Zusammenhang zwischen File-Sharing (was der Internetzugang implizieren soll) und CD-Absatz besteht, dann müssen andere Gründe dafür gesucht werden. Das legt auch die Auswertung der beiden Dummy-Variablen für die Jahre 2000 und 2001 nahe, die statistisch ebenfalls hoch signifikant für alle Altergruppen sind, wenn auch mit negativem Vorzeichen versehen. Was nun aber die tatsächliche Ursache für die Krise am Tonträgermarkt ist, kann auch Boorstin nur vermuten und spekuliert über eine negative Auswirkung alternativer Entertainment-Angebote (Film-DVDs und Videospiele), die Homogenisierung des Musikangebots durch Formatradio oder andere nicht weiter genannte makroökonomische Variable.

Darüber hinaus sieht Boorstin das gerichtliche Vorgehen der Recording Industry Association of America (RIAA) gegen File-Sharer im Jahr 2003 sehr kritisch und vermutet, dass sie kurzfristig sogar den negativen Effekt auf den CD-Absatz verstärkt, weil diese Maßnahme in der Öffentlichkeit als sehr unpopulär angesehen wird.

 Kritische Würdigung

Boorstin verweist mit seiner Untersuchung auf einen wichtigen Aspekt bei der Diskussion um die Wirkung von File-Sharing, nämlich dass junge Musikkonsumenten eine andere Nutzungsstruktur aufweisen als ältere. Allerdings sollte daraus nicht gleich der Schluss gezogen werden, dass die älteren Musikfans eher Sampling über File-Sharing betreiben und die Teenager grundsätzlich CD-Käufe durch Downloads aus Tauschbörsen substituieren. Diese Schlussfolgerung ist schon allein deswegen unzulässig, weil der Autor nicht Downloads mit dem CD-Absatz in Beziehung setzt, sondern Internetzugangsdaten. Aber einen (Breitband)Internetzugang zu haben, bedeutet noch lange nicht, gleich auch Tauschbörsen zu nutzen. Zudem muss man auch in Betracht ziehen, dass die Teenager mangels eigener Mittel den Internetzugang der Eltern auch für File-Sharing nutzen. Es werden also im Boorstinschen Modell sehr viele Vereinfachungen in den Prämissen vorgenommen, die das Gesamtergebnis wenig aussagekräftig machen. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass der Internetzugang positiv über alle Altergruppen hinweg mit dem CD-Umsatz korreliert, wobei für die unter 25jährigen der Zusammenhang negativ und für die älteren Nutzer der Zusammenhang positiv ist. Ob dafür nun das File-Sharing verantwortlich ist oder nicht, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Ableiten lässt sich daraus, dass es Faktoren geben muss (siehe die Dummy-Variablen für 2000 und 2001), die im Modell nicht erklärt sind, die aber eine negative Auswirkung auf den CD-Absatz haben. Boorstin beweist also auf diese Art und Weise eindrucksvoll, dass mit monokausalen Erklärungen nicht das Auslangen gefunden werden kann, um die Krise am Tonträgermarkt zu verstehen. Dazu braucht es eben mehr als nur ökonometrische Tests.

Quellenangabe: Boorstin, Eric S., 2004, Music Sales in the Age of File Sharing. Masterthesis an the Princeton University.

Im Teil 15 der Serie „Wie böse ist das File-Sharing?“ bespreche ich das Working Paper von David Blackburn mit dem Titel „On-line Piracy and Recorded Music Sales“, das er später dann zu einer Dissertation an der Harvard University ausgebaut hat. Darin zeigt er, dass bei Alben von bekannten Künstlern das File-Sharing eine stark negative Wirkung auf den CD-Absatz hat, wohingegen bei Alben von unbekannten Künstlern ein positiver Zusammenhang besteht, wobei sich in einer Gesamtbetrachtung beide Effekte aufheben.


5 Responses to “Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 14”


  1. 1 yourbestrecord
    11. Mai 2009 um 5:20 am

    Leider habe ich die Studien nicht parat, aber es gibt keinerlei Anzeichen, dass Musik an Bedeutung verliert. Ganz im Gegenteil, Musik spielt v.a. bei Jugendlichen nach wie vor eine dominierende Rolle.

    Die Studien, die zeigen, dass heutzutage relativ gesehen weniger Geld für Musikkäufe ausgegeben wird, haben die kleine, aber doch recht entscheidende Kleinigkeit übersehen, dass Musik halt für viele umsonst ist und deswegen weniger Geld dafür ausgegeben wird.

    Der große Erfolg des iPods/iPhones (glaube, iPod/iPhone machen über 70% des Apple Umsatzes aus) und mp3-playern im Allgemeinen zeigen doch, wie wichtig den Menschen nach wie vor Musikkonsum ist. Ein mp3-player ohne Musik würde ja nicht besonders viel Sinn machen.

    Das immense Traffic-Aufkommen in p2p-Börsen zeigt auch, wie bedeutungsvoll Musik nach wie vor ist.

    All diese Argumente entkräften, oder besser gesagt egalisieren imho das eher dämliche Argument: „die Musik heutzutage ist so schlecht, die kaufe ich nicht mehr …“. Wenn Musik heutzutage angeblich so schlecht ist, warum saugen die Leute dann wie verrückt und kaufen mp3-player en masse.

    Ich war früher auch ein Befürworter von p2p. Je länger ich mich mit der Materie beschäftigt habe, desto klarer wir mir, und den meisten meiner Kollegen, dass viele der angeführten Argumente (Promotioneffekt, Kannibalisierungseffekt, ästhetische Argument etc.) einfach sehr schwach sind.

    Es gibt Argumente für die Legalisierung von p2p. Dann reden wir aber über grundsätzliche Fragen wie den Sinn eines Urhebergesetzes und den Sinn von Intellectual Property. Darüber kann man gerne diskutieren und die Konzepte in Frage stellen. Aber zu sagen, p2p hätte nichts mit der Misere der Lage zu tun, ist imho einfach falsch und die Argumente dafür sehr schwach. Und wenn man für die Legalisierung ist, dann ist man gegen geistige Eigentumsrechte, muss sich aber auch allen Konsequenzen stellen, die sich nicht nur für die Musikindustrie ergeben sondern auch für Journalismus, Filmbranche, Softwareentwicklung etc.

  2. 7. Mai 2009 um 6:48 pm

    Gibt es eigentlich eine Untersuchung, die versucht zu klären was den nun für den Rückgang der Umsätze der Tonträger verantwortlich ist? Seit 2004 haben genügend Untersuchungen KEINEN Zusammenhang zwischen Filesharing und verkaufen CDs herstellen können. Angefangen bei der Oberholzer & Koleman Studie, bis zu den Untersuchungen der kanadischen und niederländischen Wirtschaftsministerien.

    Alle Studien greifen meiner Meinung nach zu kurz, da sie sich lediglich auf den Einlußakor Filesharing beschränken und bestenfalls am Ende, wenn ein Versuch stattfindet die schwindenden Umsätze zu erklären, weitere Faktoren angerissen werden. Dies ist sofern problematisch, da somit Drittvariablen und Rückkopplungen unberücksichtigt werden.

    Nimmt man an, dass es zwischen Käufern von CDs, DVDs und Videospielen eine große Schnittmenge gibt, dann dürfte der Erfolg von DVDs und Videospiele in doppelter Hinsicht negative Auswirkungen auf den CD Absatz haben. Zum ersten fehlt Geld das der Einzelne nicht mehr für CDs ausgeben kann, zum zweiten lässt der Erfolg der DVDs und Videospiele deren Verkaufsflächen in den großen Märken (Mediamarkt, Saturn etc) wachsen, was sicherlich auch zu Kosten der CD Verkaufsflächen geht. Damit Schrumpft die Auswahl und somit sicher auch der Absatz.

    Zwischen 1995 und 2005 ist der Umsatz von CDs, DVDs, Spielen, Büchern etc. konstant zwischen 9 und 10 Milliarden Euro geblieben. Zuwächse gab es in diesem Zeitraum in den Bereichen Video und Videospiele. „Verlierer“ waren die CDs. Siehe auch: http://tinyurl.com/3bfsek

    • 3 Peter Tschmuck
      7. Mai 2009 um 8:33 pm

      Der Kommentator Swen trifft den Punkt ganz genau. Alle bislang besprochenen Studien verkürzen den Tonträgerrückgang auf File-Sharing, bestenfalls werden auch noch andere Faktoren wie alternative Entertainment-Angebot (Film-DVDs, Kino, Videospiele oder Konzerte)in der Analyse berücksichtigt. Aber das greift viel zu kurz. Ich weise in meinen Schriften schon seit Jahren darauf hin, dass sich in der Musikindustrie ein kultureller Paradigmenwechsel vollzieht. Dabei steht nicht mehr Musik als habtisches Produkt in Form des Tonträgers im Mittelpunkt des Wertschöpfungsnetzwerks, sondern Musik wird zur Dienstleistung oder besser gesagt, der Zugang zur Musik. Da die gesamte Musikproduktion, -distribution und -rezeption sich im Umbruch befindet, muss auch die Analyse umfassend sein und neben wirtschaftlichen und technologischen Aspekten auch soziologische, rechtliche und vor allem ästhetische berücksichtigen. Aber darauf möchte ich dann im vorläufig letzten und siebzehnten Teil dieser Serie eingehen, wenn ich dann die Ergebnisse aller besprochenen Studien zusammengefasst gegenüber stellen und einen Ausblick auf weitere Forschungsperspektiven geben werde.


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