07
Apr
09

Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 2

Im zweiten Teil der Artikelserie „Wie böse ist das File-Sharing?“, möchte ich mich mit dem Beitrag von Stan J. Liebowitz „File Sharing: Creative Destruction or Just Plain Destruction?“ beschäftigen, der 2004 als Working Paper erschienen ist und in überarbeiteter Form 2006 im Journal of Law and Economics veröffentlicht wurde. Dieser Artikel von Liebowitz wird von Vertretern der Musikindustrie gern herangezogen, um sich von akademischer Seite verbriefen zu lassen, dass das File-Sharing die Ursache für die ganze Malaise sinkender Tonträgerverkäufe ist. Kein Wunder, kommt er doch zum Schluss, „(…) that file-sharing hurts copyright owners.“

Um das belegen, hat Liebowitz keine aufwändige empirische Studie durchgeführt, sondern geht deduktiv vor. Er entwirft dazu ein neoklassisches Modell und untersucht damit vier Effekte, die beim File-Sharing seiner Meinung nach auftreten können. Das sind:

Der Sampling-Effekt: File-Sharing erlaubt es KonsumentInnen neue Musik kennen zu lernen, um sie dann käuflich zu erwerben, was entweder zu einem zusätzlichen Absatz führt oder zumindest sich nicht negativ auf die Musikverkäufe (Tonträger und kostenpflichtige Downloads) auswirkt.

Der Substitutions-Effekt: File-Sharing führt dazu, dass weniger Musik gekauft wird, weil sie eben kostenlos verfügbar ist.

Netzwerkeffekte: File-Sharing ermöglicht es, dass Musik unter Freunden weiter empfohlen wird, sodass Musik von denjenigen herunter geladen, die keinen Tonträger gekauft hätten. Dabei bezieht sich der Wertzuwachs nicht auf die Musik, sondern nur auf das Netzwerk.

Indirekte Aneignungsfähigkeit: Allein schon die Möglichkeit eine Kopie zu machen, z.B. zum Abspielen im Autoradio oder zur Weitergabe an Freunden, erhöht in den Augen der KäuferIn den Wert des Originals und führt zu einer zusätzlichen Nachfrage. D.h. man würde die CD nicht kaufen, wenn man sie nicht kopieren könnte.

Ad (1): Das Kennenlernen neuer Musik – der Sampling-Effekt

Liebowitz sieht im Sampling-Effekt ganz im Gegensatz zu anderen Studien keine positive Wirkung auf die Nachfrage nach Musik und versucht das über die Preiselastizität der Nachfrage zu belegen. Kurz zur Erklärung, was man unter der Preiselastizität versteht. Sie beschreibt das Ausmaß, in dem die Nachfrage sich verändert, wenn sich der Preis verändert. Wenn also der Preis um 10% steigt, und die Nachfrage um weniger als 10% sinkt, dann spricht man von einer unelastischen Nachfrage (0 < ɛ < 1). Sinkt hingegen die Nachfrage mehr als um 10%, dann liegt eine sehr elastische Nachfrage (ɛ > 1) vor. Liebowitz argumentiert nun wie folgt: Wenn die Preiselastizität der Nachfrage nach einer CD gleich 1 ist (d.h. bei einem Preisanstieg von 10%, sinkt die Nachfrage um 10%), so muss das auch für Musikservices im Internet gelten. Wenn nun der Grenzertrag (da ist der Preis für eine zusätzlich angebotene Einheit) für einen zusätzlichen Track in einem Musikservice negativ ist, dann muss das auch für den Grenzertrag der CD gelten, die diesen Track beinhaltet. Da aber die Musiktitel in einem Musikservice im Internet einem stärkeren Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, als jene auf einer CD, ist die Nachfrage nach diesen Titeln elastischer, d.h. ɛ > 1. Hingegen gilt für die Titel auf der CD eine Elastizität ɛ < 1. Setzt man nun den CD-Preis als konstant voraus, dann führt die höhere Preiselastizität bei den Musiktauschbörsen zu einem überproportional stärken Rückgang der Nachfrage nach CDs. Das führt nach Liebowitz dazu, dass aufgrund des Samplings in Tauschnetzwerken die Tonträgerverkäufe rückläufig sein müssen.

Kritik: Diese Argumentation mag zwar für einen vollkommenen Konkurrenzmarkt richtig sein, für den Musikmarkt ist sie allerdings nicht zutreffend, weil in einem Oligopol nicht der Gewinn, sondern die Marktanteile maximiert werden. Da in etwa 80% der CD-Produktionen Verlust machen, der von den restlichen 20% kompensiert werden muss, wird setzt das Maximierungskalkül auch nicht an der einzelnen CD an, sondern am gesamten Sortiment.

 

Ad (2): Musikdownload gegen CD – der Substitutionseffekt

Den Substitutionseffekt handelt Liebowitz in gezählten 5 Sätzen ab. Wenn nämlich die Kopie gleichwertig zum Original ist, dann wird die kostenlose Kopie bei Kopierkosten gleich Null dem Original vorgezogen, was die Erträge der Label sinken lässt.

Kritik: So einfach, wie Liebowitz den Sachverhalt darstellt, ist er aber nicht. In einem Tauschnetzwerk muss die „richtige“ Aufnahme erst einmal gefunden werden, was mit erheblichen Suchkosten einhergehen kann. Zudem muss ich wissen, wonach ich suche. D.h. ich muss bereits Konsumkapital bezüglich Musik aufgebaut haben, was mit Kosten des Wissenserwerbs verbunden ist. Möglichweise wird ein Track im Tauschnetzwerk deswegen gesucht, weil der Tonträger, auf dem er sich befindet, gar nicht mehr käuflich zu erweben ist. In diesem Fall liegt kein Substitutionseffekt vor. Und natürlich bietet eine CD zusätzliche Werte wie ein Booklet, Coverart, Liner-Notes etc., die die CD zu einem Sammlerobjekt machen, das nicht substituierbar ist. Ein Tonträger kann also gar nicht 1:1 durch einen Musikdownload ersetzt werden.

Ad (3): Musiktausch unter Freunden – der Netzwerkeffekt

Einen Netzwerkeffekt anerkennt Liebowitz auch für das File-Sharing, wobei dadurch nur der Wert des Netzwerks erhöht wird, aber nicht jener der Musik. Dieser Effekt lässt sich aber nach Ansicht von Liebowitz nur indirekt über Radio-Airplay und Tonträgerverkäufe feststellen, wobei er keine allzu große Wirkung sieht.

Kritik: Liebowitz belässt es allerdings bei dieser Behauptung und präsentiert keine empirische Befunde, die die Behauptung belegen. Es wäre durchaus plausibel, dass aufgrund von Empfehlungen von Peers nicht nur das Netzwerk an Wert gewinnt, sondern auch zusätzliche Tonträgerkäufe ausgelöst werden. Er versucht sogar zu zeigen, dass sich die Einführung des Rundfunks in den 1920er Jahren – eine Parallele zum Internet – negativ auf die Tonträgerumsätze ausgewirkt hat, was für ihn ein Beispiel ist, dass es sogar negative Netzwerkeffekte geben kann. Liebowitz lässt aber unerwähnt, dass es letztendlich die großen Rundfunk-Networks in den USA waren, die die maroden Tonträger-Konzerne aufgekauft haben, weil sich die Industriestruktur grundsätzlich geändert hat. Gerade in diesem Punkt zeigt sich die Hauptschwäche des Ansatzes von Liebowitz. Er ist nicht in der Lage, die Entwicklungen der Musikindustrie in einen historischen Kontext zu setzen, sondern tut so, als ob die Gesetze des Marktes zu jeder Zeit und an jedem Ort gleichartig, quasi wie Naturgesetze gelten.

 

Ad (4): Der Zusatznutzen durch freies Kopieren – die indirekte Aneignungsfähigkeit

Damit die indirekte Aneignungsfähigkeit eine zusätzliche Nachfrage auszulösen imstande ist, muss die (a) Möglichkeit viele Kopien zu machen sehr eingeschränkt sein oder (b) die Chance bestehen, dass das Original zu einem sehr hohen Preis verkauft werden kann, wie beim Verkauf von wissenschaftlichen Journals an Bibliotheken der Fall ist. Beide Bedingungen gelten nach Liebowitz beim File-Sharing nicht und so gibt es auch keinen positiven Nachfrageeffekt in dieser Hinsicht.

Kritik: Da stellt sich aber schon die Frage, warum die Label immer mehr vom DRM-Schutz abgehen. Offensichtlich möchte man die KonsumentInnen doch nicht damit verkraulen, dass die erworbene CD nicht für den MP3-Player gerippt werden kann. Es muss also schon so etwas wie eine indirekte Aneignungsfähigkeit geben, die den Kauf einer CD attraktiv macht.

 

Wenn nicht File-Sharing, was ist sonst schuld am Absatzrückgang?

In weiterer Folge untersucht Liebowitz alternative Erklärungsansätze, die in der wissenschaftlichen Literatur für den Rückgang beim Tonträgerverkauf ins Treffen geführt werden. Er bezieht sich dabei auf eine Zeitreihe der Pro-Kopf-Absätze von Musikalben seit 1973. Während in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in den USA jährlich rund 6 Alben pro Kopf gekauft wurden, waren es 2003 nur mehr rund 3 Alben, wobei der Rückgang 2000 einsetzte. Liebowitz stellt dabei die rhetorische Frage: Wenn also nicht das Auftreten von NAPSTER (ab 1999) und mit ihm das massenhafte Phänomen des File-Sharings für den Rückgang verantwortlich ist, was könnten dann die Ursachen sein? Es zeigt, dass, wenig überraschend, der Preis für CDs in der relevanten Phase ziemlich konstant geblieben ist und das durchschnittliche Haushaltseinkommen in den USA sogar gestiegen ist. Auch die Änderungen in substitutiven Märkten (Videospielemarkt, Kinobesuche und Film-DVD-Verkäufe) lassen nicht statistisch nicht signifikant auf die negative Entwicklung am Tonträgermarkt in Bezug setzen. Es könnte aber auch sein, so mutmaßt Liebowitz, dass sich die Qualität der Musik in diesen Jahren verschlechtert hat und deswegen weniger CDs gekauft wurden. Wenn dem so wäre, müssten sich auch Konzertkarten schlechter verkaufen und weniger Menschen Musikprogramme, vor allem jene, die auf Neuveröffentlichungen setzen, hören. Da in den Jahren 2000 und 2001 der finanzielle Erfolg mit Konzerten am höchsten war, kann das nach Leibowitz kein Argument für Qualitätseinbußen bei der Musik sein. Allerdings gingen die Hörerzahlen von Musiksendungen im Radio quer durch alle Formate um 9% im Beobachtungszeitraum zurück. Da dieser Rückgang sich nur auf das etablierte Repertoire (z.B. „adult standards“ -51,3%) bezog und aktuelle Musik („contemporary hits“ und „urban“) sogar Zuwächse zu verzeichnen hatte, sieht Liebowitz keine Verschlechterung in der Musikqualität und somit auch keine Ursache für den Rückgang beim Tonträgerabsatz.

Kritik: Hier offenbart sich die größte Schwäche der Liebowitzschen „Beweisführung“. Er vernachlässigt nämlich vollkommen den Grund, warum die Pro-Kopf-Albumverkäufe bis 1999 angestiegen sind: die Einführung der CD in den frühen 1980er Jahren. Der Großteil der Käufe von Musikalben waren nämlich Substitutionskäufe für Vinyl-Schallplatten. D.h. es sind, relativ betrachtet, sehr wenige „echte“ Neuerscheinungen hinzugekommen. Ende der 1990er Jahre war der Substitutionsprozess dann weitgehend abgeschlossen. Da vor allem die Majors durch die gewaltigen jährlichen Umsatzzuwächse in den 1990er Jahren die A&R-Arbeit vernachlässigt haben, wurden zu wenige neue Alben produziert, um die Nachfrage zu befriedigen. Es geht also nicht um die Qualität der Musik, sondern um den Innovationsgrad der Musik.

In dem Zusammenhang ist es daher vollkommen lächerlich, die Datenreihe aus den 1990er Jahren zu extrapolieren (ca. 6,2 Alben pro Kopf), wie Liebowitz das macht, und die Differenz zwischen zum tatsächlichen Pro-Kopf-Absatz (ca. 4 Alben pro Kopf) als Verlust für die Tonträgerunternehmen darzustellen.

Es ist vielmehr so, dass die MusikkonsumentInnen regelrecht nach neuem Repertoire dürsten, was die Zuwächse bei den „contemporary hits“ sowie bei „urban music“ belegen. Hingegen sind sie mit den Hits aus früheren Jahrzehnten übersättigt, was den starken Rückgang bei den entsprechenden Radioformaten erklärt. Die CD hat dazu ihren Beitrag geleistet, in dem auf ihr vor allem lange Bestehendes noch einmal aufgewärmt wurde. Und schließlich ist der Konzert-Boom ein Indiz für die fehlende Innovationskraft der Label, weil bei den Konzerten zumindest Musik als soziales Erleben verkauft wird.

Schließlich widmet sich Liebowitz noch dem Argument, dass weniger neue Musik produziert wurde, wodurch die Nachfrage gesunken ist. Da die Neuerscheinungen keine exogene Größe für die CD-Nachfrage sind, kann seiner Ansicht nach so überhaupt nicht argumentiert werden. Aber auch wenn man Exogenität voraussetzt, darf man nicht die gesamte Anzahl von Neuerscheinungen in Betracht ziehen. Da bis 80% der Neuerscheinungen von den Indies stammen, die aber damit nur 10-15% des Gesamtumsatzes ausmachen, werden seines Erachtens Äpfel mit Birnen verglichen, wie das Originalzitat belegen soll: „It would be like comparing the total footage of home movies shot year-by-year to explain the yearly economic performance of motion pictures. They are not really part of the same market.“

Kritik: Es gehört schon eine große Portion Ignoranz dazu, die verwackelten Heimvideo-Produktionen mit professionellen Indie-Musikproduktionen zu vergleichen Wo sollen da die Unterschiede zwischen Indie- und Major-Produktionen liegen? Und warum haben die Majors gerade in den letzten 20 Jahren die erfolgreichen Indie-Label aufgekauft? Und sind die Releases der aufgekauften Indie-Label vor der Übernahme anders zu zählen als nach der Übernahme und verändert sich dann dadurch ihre Qualität? Diese Argumentation ist hanebüchen, dass man sie nicht weiter kommentieren muss. Natürlich ist die Zahl der Neuerscheinungen gesunken und das vor allem bei den Majors. Gerade das zeigt ja, wie innovationsavers die Majors in den letzten Jahrzehnten waren und wie sehr es geschadet hat, die einst innovativen Indies aufzukaufen und den rigiden Konzernstrukturen zu unterwerfen.

 

Eine mehr als problematische „Beweisführung“

Gerade die letzten beiden Argumente zeigen, wie wenig Liebowitz eigentlich von den Prozessen und Strukturen in der Musikindustrie versteht. Ohne zu reflektieren, wendet er das nullachtfünfzehn Instrumentarium der neoklassischen Modellbildung auf den Musikmarkt an. Er lässt dabei sowohl historische Entwicklungen (Einführung der CD) als auch institutionelle Besonderheiten der Musikindustrie (oligopolistische Marktstrukturen) außer Acht. Zudem kann er keinerlei empirische Belege liefern, die seine rein theoretischen Spekulationen untermauern könnten. Dabei ist auch die Methodik, der er sich bedient, mehr als hinterfragenswert. Liebowitz widerlegt anscheinend vier Begründungen, warum File-Sharing keine oder keine großen Auswirkungen auf den Tonträgerumsatz hat und zieht daraus den Schluss, dass dann wohl nur die Musiktauschbörsen Schuld am Absatzrückgang der CD haben können. Eine solche Beweisführung ist unzureichend und methodisch höchst fragwürdig. Es ist erstaunlich, dass ein solcher Artikel in einer an sich renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift, wie es das „Journal of Law and Economics“, erscheinen konnte. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn nicht auf Basis dieser wissenschaftlich in jeder Hinsicht unzureichenden „Beweisführung“, in weltweit beachteten Prozessen gegen das File-Sharing argumentiert wird und vielleicht sogar Personen deswegen strafrechtlich belangt werden. In dem Zusammenhang muss sogar die Frage der wissenschaftlichen Ethik gestellt werden.

 

Das nächste Mal geht es um den Artikel von Felix Oberholzer und Koleman Strumpf, die in einer aufwändigen ökonometrischen Studie nachzuweisen versuchen, dass das File-Sharing keinerlei Auswirkungen auf den Tonträgerabsatz hat.

 


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


April 2009
M D M D F S S
« Mrz   Mai »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

Archive

Facebook

Twitter

Kategorien

Blog Stats

  • 307,164 hits

%d Bloggern gefällt das: