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Mai
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Musikschaffen im Zeitalter von YouTube und Facebook – Interview mit der Singer/Songwriterin Eva K. Anderson

Vor Kurzem ergab sich die Gelegenheit, mit einer der bekanntesten, österreichischen Popmusikerinnen, Eva K. Anderson, ein ausführliches Gespräch zur aktuellen Entwicklung der Musikindustrie, den Chancen und Risken, die diese Entwicklung birgt, über ihr (Selbst)Management und die Rolle, die dabei Social-Media-Plattformen spielen, zu führen.

Nach dem Erfolg ihres von Christina Stürmer interpretierten Hits „Ich lebe“ katapultierte sich Eva K. Anderson als Sängerin mit ihren Top-Hits „Fortune Teller“, „A Sound of Silence“ und „I Will Be Here“ in die österreichischen Charts. Tiefgehende Songtexte in Englisch und Deutsch unterstreichen das internationale Format der Singer und Songwriterin Eva K. Anderson – http://www.eva-k-anderson.com

Biografisches zur Einstimmung

Schon in jungen Jahren startete die gebürtige Leobnerin Eva K. Anderson ihre Musikkarriere. Über das Flöte- und Gitarre spielen bis zu ihren ersten Auftritten als Saxophonistin der heimischen Musikkapelle entdeckte sie bald ihr Gesangstalent. Bereits mit 16 Jahren stand Eva als Frontsängerin des Jazz-Ensembles Leoben auf der Bühne. Trotz ihrer Begeisterung für Musik oder gerade deswegen, entschied sich die junge Künstlerin für ein Wirtschaftsstudium in Wien. Dort lernte sie auch ihren heutigen Mann und Produzenten Harald Hanisch kennen mit dem sie seither auch ihre Liebe zur Musik teilt.

Gemeinsam mit ihm schrieb Eva K. Anderson den Hit „Ich lebe!“ mit dem Christina Stürmer regelrecht die Charts stürmte. Danach ging es Schlag auf Schlag! Als Interpretin ihrer selbstgeschriebenen Top-Hits „Fortune Teller“ und „A Sound of Silence“ hielt sich die Popsängerin monatelang unter den Top 10.

Die bewegende Ballade „I Will Be Here“ katapultierte Eva K. Anderson, nach ihrem schlagenden Auftritt in der Finalrunde des Eurovision Song Contests, im Frühjahr 2011 erneut in die österreichischen Charts. Bei dem Fernsehauftritt sang sich die „Popelfe“ mit ihrer warmen und offenen Stimme in die Herzen eines Millionenpublikums.

 

Die Musikwirtschaft im Umbruch

TSCHMUCK: Welche Veränderungen in der Musikwirtschaft haben Dich am stärksten betroffen?

ANDERSON: Die Entwicklung des Internets in Richtung einer medialen Vormacht hat mich persönlich in den letzten Jahren am meisten getroffen. Damit zusammenhängend hat sich aber auch der Musikkonsum in den letzten Jahren stark verändert. Es werden immer seltener CDs gekauft. Egal wie gut oder oft ein/e MusikerIn im Radio oder Fernsehen präsentiert wurde. Live-Konzerte sind meiner Meinung nach für uns die wirkungsvollsten Medien, da es dort möglich wird eine noch stärkere emotionale Bindung aufzubauen.

TSCHMUCK: Was ist im Vergleich zu früher einfacher und was ist schwieriger geworden?

ANDERSON: Der Zugang zur Musik für die Konsumenten/Innen ist durch das Internet extrem einfach geworden. Heute musst du Musik im Grunde  genommen nicht mehr besitzen, denn fast alles ist im Web frei verfügbar.

TSCHMUCK: Ist das für Dich gut oder schlecht?

ANDERSON: Ich finde es einerseits gut, weil ich in meiner Arbeit als Künstlerin vor allem zu Recherchezwecken jeden Titel mit genau dem Text und der Musik sofort ausfindig machen kann. Das ist super praktisch. Auf der anderen Seite ist es auch eine große Herausforderung, weil es immer schwieriger wird als MusikerIn auch von der Musik zu leben.

Weiters wird es durch die Informationsflut immer schwieriger zu wissen, welcher Kommunikationskanal zu wählen ist. Früher war es klar: Alle wollten ins Fernsehen. Teilweise ertappe ich mich auch heute noch dabei, dass ich mir denke: Fernsehen ist super, weil es so eine Breitenwirkung hat. Das stimmt zwar immer noch, aber nicht mehr im selben Ausmaß wie früher.

Im Zeitalter des Internets geht alles viel rascher und es gibt mehr als nur einen Kanal. Heute gibt es unzählige Programme aus denen die Zuseher/innen auswählen (müssen) und es wird immer schwieriger eine breite Masse zu erreichen. Wie komme ich an Interessierte heran? Wie mache ich auf mich aufmerksam? Das sind Fragen an denen ich ständig arbeite. Der Bereich verändert sich zudem auch so schnell, dass man leicht das Gefühl bekommt immer etwas hinterherzuhinken.

 

Die Rolle von Facebook und YouTube

TSCHMUCK: Wie gehst Du eigentlich mit dem Instrument Internet um?

ANDERSON: Ich nutze es vor allem zur Recherche, aber ich arbeite auch mit Social Media, weil es heutzutage einfach dazu gehört. Dabei mache ich das meiste selbst. Beispielsweise auch die Statusmeldungen auf meiner Facebook-Seite, da ich den Eindruck habe, dass nur ich das wirklich schreiben kann. Ich versuche Sachen zu schreiben, die mich wirklich betreffen. Dabei ist es oft eine Herausforderung zu entscheiden, wie viel ich wirklich von mir preisgeben möchte. Ich bin da sehr selektiv. Alles, was mit meiner beruflichen Tätigkeit zu tun hat, schreibe ich gern, aber allzu Privates klammere ich aus. Man muss die Balance finden, wie viel an Privatem sinnvoll ist und zur emotionalen Bindung des Publikums beiträgt und was nicht.

TSCHMUCK: Welche Rolle spielt für Dich YouTube?

ANDERSON: Wir haben zu den bislang drei veröffentlichten Singles – und „I Will Be Here“ ist gerade in Planung – immer Videos gemacht, die auch sehr gut angenommen wurden. Wenn wir so viel verkauft hätten, wie wir Klicks haben, wären wir mittlerweile sehr reich (lacht). Man stellt die Videos auf YouTube zur Verfügung, um zu schauen, was an Reaktionen zurück kommt. Wenn ich mir die Klicks anschaue, die derzeit noch fast ausschließlich aus Österreich kommen, dann sind allein die Zahlen überwältigend. Diese Zahlen könnte man nun hochrechnen: Wäre man weltweit bekannt, dann wäre ich in der Region der internationalen Superstars. So gesehen ist YouTube einerseits ein tolles Referenzmedium. Zusätzlich könnte man natürlich auch dort jede Woche etwas Neues hinein stellen. Dazu bräuchte man aber jemanden mit zumindest kleiner Film-Ausrüstung und einem Schnittprogramm, der das für einen erledigt. Dann könnte man so was wie eine Video-Kolumne gestalten.

TSCHMUCK: Das wäre so eine Art Dienstleistung, die einen Künstler dabei unterstützt, in kürzeren Intervallen präsent zu sein, weil der das zeitlich einfach nicht schafft.

ANDERSON: Genau, man braucht jemanden, der Dir sagt: „Du denkst Dir Deine Geschichte aus, ich filme Dich, schneide Dir das alles zusammen und wir stellen das dann auf YouTube.“ Und ähnliches könnte man natürlich für Facebook & Co. machen.

TSCHMUCK: Wäre das für Dich als Künstler/in überhaupt finanzierbar?

ANDERSON: O ja, ich denke, eine solche Dienstleistung wäre für erfolgreiche, österreichische Acts leistbar, wenn es finanziell überschaubar bleibt. Es gibt ja Leute, die sich gerade in diesem Bereich spezialisieren. Wir arbeiten z.B. mit zwei Studierenden von einer Medienfachhochschule beim neuen Video zu „I Will Be Here“ zusammen. Die haben uns von sich aus kontaktiert, weil sie gerade ihre Abschlussarbeit machen und dazu ein Video mit Story-Board benötigen. Und da der Song ohnehin eine Geschichte erzählt, machen wir daraus einfach das Story-Board. Das könnte man jetzt natürlich weiter spinnen und regelmäßig kleine YouTube-Video-Clips in Auftrag geben. Es müssten sich nur Leute, die das ohnehin schon machen, Konzepte überlegen, wie sie das unsereins anbieten, damit das leistbar ist.

 

Das Management einer Singer/Songwriterin im digitalen Zeitalter

TSCHMUCK: Wie funktioniert bei Dir das Management?

ANDERSON: Im Grunde genommen entscheide ich mit meinem Mann und Produzenten Harald Harnisch zusammen alles selbst. Wir haben natürlich Partner wie z.B. im Booking-Bereich die Agentur Scheibmaier, die an uns Konzertanfragen heran trägt. Ob wir das Konzert spielen oder nicht, entscheiden dann wir. Wir entscheiden natürlich auch, wie die Produktion unserer Songs klingt. Natürlich holen wir uns Meinungen von anderen ein, bevor die CD rausgeht, aber im Endeffekt entscheiden wir selbst, wie wir es haben wollen. Darüber hinaus haben wir Pate Records von Mario Rossori als Vertriebspartner und arbeiten mit der PR- und Kommunikationsagentur „Management-Impulse“ zusammen, mit denen wir die Presse- und Kommunikationsarbeit abwickeln. Und schließlich gibt es noch eine Designerin für meine Bühnenoutfits und eine Visagistin. Alles andere übernehmen wir selbst. Das ist eine gewisse Art von Selbstmanagement.

TSCHMUCK: Gibt es irgendwelche Beziehungen zu den Majors?

ANDERSON: Haben wir angedacht, aber das, was eine große Plattenfirma momentan anbietet, hat mit dem, was ich brauche, relativ wenig zu tun. Das was sie anbieten können, sind 360°-Deals. Aber sie garantieren Dir für die Rechte, die Du ihnen abtrittst, nicht mehr das Marketing und die Promotion, wie es nötig wäre. Sie garantieren Dir auch keine internationale Vernetzung, sondern Du musst Dich selbst darum kümmern. Sie garantieren Dir ja nicht einmal mehr Österreich. Die Major-Verträge sind einfach im Moment nicht attraktiv. Und da ich außerdem ein großer Freigeist bin, lasse ich mir auch nicht einfach so sagen: „Das muss so und so ausschauen und klingen“.

 

Wie lebt eine Singer/Songwriterin heutzutage von ihrer Musik?

TSCHMUCK: Welches sind die wichtigsten Einkommensquellen für Dich als Singer/Songwriterin?

ANDERSON: Ich bin sicher ein Spezialfall, weil sich mein Einkommenskuchen zu Beginn vor allem aus Tantiemen von „Ich lebe!“ zusammengesetzt hat. Das war aber noch in der Zeit, als ich noch nicht selbst Konzerte als Eva K. Anderson gesungen habe. Derzeit kommt der größte Anteil aus dem Live-Bereich. Ich habe im letzten Jahr 50 Konzerte gegeben. Da kommt schon was zusammen. Tonträgerverkäufe spielen auch noch eine Rolle, aber im Vergleich mit dem Live-Bereich ist es nicht die Welt. Aber auch die digitalen Online-Verkäufe vor allem über iTunes sind nicht zu unterschätzen. Über iTunes wird bereits mehr umgesetzt als über den physischen Tonträger, weil die Singles bei uns so gut funktioniert haben. Also 60 bis 70 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Live-Bereich, dann Download und dann erst Tonträger.

TSCHMUCK: Ist es für Dich ein Thema auch einmal für die Werbung zu arbeiten oder Musik für Filme zu produzieren?

ANDERSON: Es gibt immer noch Anfragen in Bezug auf „Ich lebe!“ für Werbung und Videospiele, aber das sind noch Ausläufer von der Christina Stürmer-Zeit. Aber es gibt auch schon Anfragen von Filmemachern, ob wir nicht Songs für eine TV-Serie hätten. Also Musik für Filme ist durchaus ein Thema für uns. Wenn das gut platziert ist, dann hat es auch einen großen Werbewert. Ich habe auch kein Problem damit, Songs von mir für Werbung verwenden zu lassen. Es muss natürlich das Produkt stimmen und vom Image her zu mir passen.

 

Innovationspotenziale in der Musikverbreitung

TSCHMUCK: Welche Innovationspotenziale würdest Du als Singer/Songwriterin identifizieren?

ANDERSON: Einerseits Leistung, die sich auf Internet, Social Media und Online-Marketing beziehen und andererseits administrative Unterstützungsleistungen, um Musik gut anzubieten und zu verbreiten. Konkret braucht es Leute, die in der Lage sind, weltweit Kontakte herzustellen und zu nützen. Leute, die innovative Ideen haben, wie man heutzutage Musik aus der Informationsflut hervorhebt und bekannt macht. Es braucht Informationsbroker, die Informationen gezielt weiterleiten. Die müssten sich hinsetzen und überlegen, welche Foren und Seiten im Internet zu meiner Musik und meinen Texten passen und diese dann gezielt mit Informationen versorgen. Ich bin überzeugt, dass es schon Leute gibt, die genau das machen und den Leuten in den Foren und Blogs Musik empfehlen. Ich würde also jemand für meinen Musikstil brauchen, der für mich recherchiert, wo es Blogs oder Foren gibt, die eine gute Promotionsfunktion haben und der meine Musik dort gezielt unterbringt. Das gilt übrigens auch für die analoge Welt, nämlich Gruppen und Menschen zu identifizieren, die sich mit ähnlichen Themen wie ich beschäftigen, und für die man dann gezielt kleine Konzerte oder Workshops veranstalten könnte. D.h. auch für die so genannten „alten Medien“ gilt es herauszufinden, wo die Plattformen mit guter Multiplikatorenwirkung sind, wo meine Musik gut hinpasst. Und für den Live-Bereich ebenso. Wo sind die Festivals, zu denen Leute kommen, die mit der Musik wie ich sie mache, sehr viel anfangen können? Entscheidend bei all diesen Dingen ist, Information möglichst kompakt geliefert zu bekommen, um als Künstler rasch entscheiden zu können, wo man sich in der digitalen und analogen Welt hinwenden muss.

Und ich sehe noch einen Bedarf an neuen Dienstleistungen. Nämlich wie verpacke ich die Musik in einen Mehrwert, dass Leute, die keine CDs mehr kaufen, für dieses Leistungspaket gern Geld ausgeben. Gerade das Merchandising könnte das leisten. Aber bei uns gibt es derzeit noch gar kein Merchandising. Wir wollen aber ein solches umsetzen. Ich überlege mir gerade, was überhaupt Sinn macht. Ich würde nämlich gern was Besonderes anbieten. Zu schwarzen T-Shirts habe ich persönlich keinen Zugang. Wir überlegen gerade, wie wir Produkte entwickeln können, die für Menschen, die meine Musik gerne haben, interessant sein könnten. Das Merchandising muss dann einfach zu meinem Image passen.

TSCHMUCK: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

 

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