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Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 5)

Nachdem das elektrische Aufnahmeverfahren mit Mikrofonen seinen Siegeszug angetreten hatte, saßen die Tonträgerhersteller weltweit auf mehreren hundert Millionen Schallplatten, die so gut wie unverkäuflich waren, weil sie noch in akustischer Form mit dem Aufnahmetrichter in vergleichsweise schlechter Tonqualität eingespielt worden waren. Sie versuchten daher ihre nunmehr so gut wie wertlosen Lagerbestände zu Niedrigstpreisen über Vertriebskanäle loszuwerden, über die üblicherweise nicht Schallplatten verkauft wurden wie z.B. Kaufhäuser, Textileinzelhändler oder Tankstellen. Vor allem sekundäre Märkte, wie der australische, waren besonders beliebt, um große Mengen an Billig-Schallplatten zu verramschen. Diese Praxis führte in Australien dazu, dass sich der reguläre Tonträgereinzelhandel übergangen fühlte und gegen die Billigimporte aus den USA und Europa bei der zuständigen Zollbehörde eine Beschwerde wegen Preis-Dumping einlegte.

 

Kapitel 5: Die Anti-Preisdumping-Untersuchungen des Jahres 1927

Die Anti-Preisdumping-Untersuchungen wurden Ende 1926 durch den Generalvertreter der Brunswick-Balke-Collender in Australien und Miteigentümer der Brunswick-Niederlassung in Sydney, der D. Davis & Company, ins Rollen gebracht. Der Gründer des Musikverlags und des späteren Schallplattenvertriebs David Davis hatte im August 1926 einen wütenden Brief an die australische Zollbehörde gerichtet, in dem er die Billigimporte aus den USA und Europa geißelte und eine drastische Erhöhung des Zolltarifs auf Schallplattenimporte verlangte.

Nach einem Rundruf an die anderen in Australien als Tonträgerhersteller aktiv gewordenen Firmen, war klar, dass die Brunswick nicht das einzige Unternehmen war, dem die Billigimporte ein Dorn im Auge war. Unisono unterstützen die Vocalion Gramophone Co., die Columbia Graphophone und mit ihr die Parlophone Co. sowie die Gramophone Co. die Forderung nach höheren Schutzzöllen. Daraufhin beschloss die oberste Zollbehörde eine Untersuchungskommission (Tariff Board) einzurichten, die der Sache auf den Grund gehen sollte.

Für den 18. bis 21. Oktober 1927 wurde ein öffentlich zugängliches Hearing anberaumt, in dem Vertreter beider Seiten – die im Lande aktiven Tonträgerhersteller und die Importeure der Billig-Schallplatten – befragt werden sollten, um sich ein Urteil darüber zu bilden, ob die Einfuhrzölle auf Schallplatten erhöht werden oder unverändert bleiben sollten.

Die Untersuchung (Tariff Board Inquiry) begann allerdings mit einem Eklat, weil die Vocalion Co. in letzter Minute ihren Antrag auf Erhöhung der Importzölle zurückzog. Die für die australische Tochtergesellschaft zuständige Geschäftsführung erklärte diesen Rückzug damit, dass sie Order von der Konzernzentrale in London erhalten hätten, dies zu tun, obwohl sie selbst höhere Importzölle weiterhin befürworten würden.

Das änderte nichts daran, dass die Positionen für die bevorstehende Auseinandersetzung bald bezogen waren. Der Geschäftsführer der australischen Niederlassung von der Gramophone Co., William Manson, fasste in seiner Aussage vor dem Tariff Board die Argumente der Befürworter einer spürbaren Erhöhung der Einfuhrzölle zusammen. Sein Unternehmen hätte viel Kapital in Australien investiert, um Tonträger im Lande herstellen zu können, und nicht nur dieses Kapital, sondern auch viele Arbeitsplätze wären in Gefahr, wenn nicht unverzüglich etwas gegen die ruinösen Importe von Billig-Schallplatten unternommen werden würde. Zudem würden nicht nur die Tonträgerhersteller selbst, sondern auch alle ihre Zulieferer und Vertriebspartner wirtschaftlich in Mitleidenschaft gezogen werden. So kommt er in seinem Statement zum Schluss: “[O]ur industry is threatened with (…) unfair competition from abroad, which may well cause serious hurt, and possibly may make it necessary either to close down the new factories or to greatly reduce the staffs employed in them.” (S. 244).

Der Präsident des Verbands der Musikeinzelhändler in New South Wales, Francis Wilson, versuchte in seinen Ausführungen nachzuweisen, dass das Preis-Dumping Umsatzeinbußen von in Australien hergestellten Tonträgern zur Folge hätte: “My figures show that my sales have decreased by approximately 20% for the last six months, as compared with the corresponding period of 1926 (…). We formerly bought weekly an average of 45 to 50 records of fox trots and other popular stuff, whereas now the average is five or six, unless some particular hot hit comes out. (…) My purchases of popular titles from Brunswick people from April to September were 258 in 1926 and 210 in 1927, which corresponds with the 20% decrease mentioned above.”

David Davis von der D. Davis & Co., der den Stein im Namen der Brunswick Co. ins Rollen gebracht hatte, stellte in seiner sehr emotional gehaltenen Aussage die negativen Wirkungen des Vertriebs der Billig-Schallplatten über „illegitime Kanäle“ – und meinte damit z.B. Textileinzelhändler –  auf den Tonträgereinzelhandel in besonders düsteren Farben dar und zu schließen: “A further disheartening aspect it that we are seeing the dealers with whom we have been associated, many for 10 and 20 years, being slowly forced out of business by drapery firms who are handling cheap records only for the purpose of drawing public to their stores to sell them goods on which they make a larger profit.” (S. 251). Davis’ Aussage führte zu einer Ad-hoc-Entgegnung des Rechtsanwalts einer jener als „illegitim“ gebrandmarkten Vertriebsfirmen. Dieser wollte von Davis wissen, ob es den Tatsachen entspräche, dass die Brunswick Co. in der Vergangenheit unter dem Label „Simolian“ mit Billig-Importen die gleiche Praxis angewandt hätte, die sie nun anprangere? In einer ausweichenden Antwort bejahte Davis die Frage und versuchte sich damit aus der Affäre zu ziehen, dass die Billig-Verkäufe nun schon zwei Jahre zurück lägen als es noch nicht möglich war, Schellack-Platten zu recyceln. Allerdings räumt er ein, einen Fehler gemacht zu haben, den er aus heutiger Sicht bereue und aus dem ihm auch ein wirtschaftlicher Schaden entstanden sei.

Wie dem auch sei, diese Passage in den Tariff Board Hearings verweist auf die Tatsache, dass es die Major-Label selbst waren, die ab 1925 versuchten, über Billig-Importe wertlose Lagerbestände in Australien loszuwerden. Als dann aber industriefremde Player ins Geschäft einstiegen, wurden diese sofort von den Majors attackiert und des Preis-Dumpings bezichtigt.

Ein weiterer Aspekt wurde von Herbert Afriat, dem Eigentümer einer der inkriminierten Musikvertriebsfirmen beleuchtet. Die Majors würden mit der Anhebung der Importzölle versuchen, ihr Preiskartell zu schützen: “The His Master’s Voice, Columbia and Brunswick will not supply any person with records unless they enter into an agreement not to sell under their fixed price. In the case of His Master’s Voice, they will not supply anybody unless they purchase a certain amount of machines and records in the first case. I think the amount of £80.” (S. 253).

In die gleiche Kerbe schlug auch Horace Newman, dessen Vertriebsfirma die britischen Crystalate Schallplatten zum Billig-Preis an Kaufhäuser lieferte. Er verwies in seiner Aussage auf die extrem hohen Presskosten, die von externen Auftraggebern wie ihm von den Majors abverlangt wurden. Diese stünden in keinem Verhältnis zum Lohnniveau in Australien und hätten einzig und allein den Grund, sich unliebsame Konkurrenz vom Hals und Preise für Schallplatten im Einzelhandel hoch zu halten. Er rechnete dem Untersuchungsausschuss vor, dass, eine realistische Kostenstruktur vorausgesetzt, die Schallplatten-Preise um die Hälfte niedriger sein müssten. Zudem versuchte er zu belegen, dass nicht die Billig-Importe Schuld am Umsatzrückgang für die lokal erzeugten Schallplatten wären, sondern andere Faktoren wie z.B. der immer wichtiger werdende Rundfunk: “The figures for the importation of records during 1926/27, show a falling off from the previous year, part of which reduction is due to the fact that the big companies are now manufacturing here and not importing, and partly because has gone off during the past 12 months, possibly due to the competition of wireless.” (S. 261).

Je länger das Hearing andauerte wurde klar, dass sich die australische Tonträgerindustrie seit 1926 am Beginn einer Rezession befand. Kenneth Besly, Importeur des Billig-Labels „Banner“ verwies in seiner Aussage auf die allgemein schwache Konjunkturlage bevor dann die Weltwirtschaftkrise die Tonträgerumsätze endgültig in den Keller schickte: “The record business generally has slumped during the last 12 months as has the whole gramophone business, including the manufacture and sale of machines, which would naturally mean a decline in the sale of records, as compared with the year 1926, which was regarded as an exceptionally good year.” (S. 263).

Des Weiteren wurden von Seiten der Billig-Importeure und Kaufhäuser die protektionistischen Maßnahmen der in Australien Tonträger produzierenden Majors angeprangert und es wurde wiederholt auf ein bestehendes Preis-Kartell verwiesen.

All diese Argumente der beklagten Seite wurden aber im Tariff-Board-Endbericht, der am 28. November 1927 vorgelegt wurde, vom Tisch gewischt. Ganz im Sinn der Tonträgerhersteller wurde die Erhöhung der Importzölle für Schallplatten auf ein prohibitiv hohes Niveau mit dem Argument befürwortet, damit dem ‚unfairen Wettbewerb aus Übersee’ entgegen zu wirken. Die Schutzzölle sollten die Tonträgerproduzenten im Lande zu einem höheren Output, zu Kosten- und Preissenkungen anregen sowie zur Steigerung der Beschäftigtenzahlen in der Branche beitragen. Die extrem hohen Zolltarife fanden dann Eingang in das neue Zollgesetz 1928, was in der Folge die Importe von Schallplatten nach Australien fast auf Null reduzierte. Allerdings traten die erhofften Folgen nicht ein. Weder erhöhte sich die Produktionsmenge noch die Beschäftigtenzahl in der phonographischen Industrie Australiens. Stattdessen ging ein Tonträgerhersteller nach dem anderen in Konkurs, bis nur mehr die Gramophone Co. und die Columbia Graphophone übrig waren, die sich in der Folge zur EMI zusammenschlossen, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Monopol in der Musikindustrie des Landes innehatte.

Die Langzeitfolgen der protektionistischen Zollpolitik waren hingegen verheerend, denn die hohen Zolltarife auf Schallplatten-Importe wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zurück genommen und so kontrollierten die Majors den Import von Schallplatten über Jahrzehnte hinweg. Parallelimporte waren damit so gut wie ausgeschlossen. In den späten 1980er Jahren setzte zwar die australische Regierung eine Kommission ein, die die Preispolitik der Majors unter die Lupe nehmen sollte, aber die Untersuchungen verliefen im Sande. Bis 1998 blieb somit das Preis-Kartell am australischen Tonträgermarkt unangetastet. Erst als der Senat für die Aufhebung der Importrestriktionen mehrheitlich votierte, belebte sich die australische Musikindustrie. Der für die Aufhebung zuständige Generalanwalt wurde in den Medien mit der Aussage zitiert: “The Government’s reforms will break the monopoly on imports of CDs now enjoyed by a select few foreign-owned multinational record companies, which have used their market dominance to keep Australian CD prices artificially high.” (S. 317).  Es dauerte also 70 Jahre lang bevor dem Protektionismus zugunsten der Tonträger-Majors in Australien ein Ende gesetzt wurde. Darunter hatten vor allem die australischen Künstler/innen zu leiden, die für die Majors wirtschaftlich wenig Erfolg versprechend erschienen. Ross Laird versucht diesen Umstand mit Zahlen zu belegen. Während der Anteil des heimischen Repertoires in den 1920er Jahren bei 13% lag, so hatte sich dieser Anteil 1995/96 lediglich auf 16% erhöht. So schlussfolgert er: „So it seems, that over 60 years local record companies have succeeded in expanding the market for records by Australian artists by only 3%.” (S. 317).

Dieses Beispiel zeigt recht deutlich, wie wirtschaftspolitische Entscheidungen über sehr lange Zeiträume hinweg, die Struktur der Musikindustrie prägen und den Strukturwandel behindern können.

In der sechsten und abschließenden Folge der Serie über die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie wird nach den Ursachen für die Rezession in der australischen Musikindustrie gesucht, die schon 1926/27 – also noch vor der Weltwirtschaftskrise – einsetzte.

Ross Laird, 1999, Sound Beginnings. The early record industry in Australia. Sydney: Currency Press. ISBN: 0-86819-579-0

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