Vom 9.-10. Juni 2010 fanden an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien die ersten “Vienna Music Business Research Days” statt. Thematische Schwerpunkte waren die wirtschaftlichen Aspekte des Musik-Filesharings und die Musik-Flatrate. In Workshops, Präsentationen und in einer Podiumsdiskussion reflektierten Wissenschafter/innen und Praktiker/innen an zwei Tagen die neuesten Forschungsergebnisse und stellten diese zur Diskussion.
Workshop am 9. Juni 2010
Im nachmittäglichen Methoden-Workshop am 9. Juni diskutierte Prof. Felix Oberholzer-Gee von der Harvard Business School mit dem zahlreich erschienenen, fachkundigen Publikum die verschiedenen Ansätze zur Filesharing-Forschung. Er zeigt dabei auf, dass die meisten Methoden unzureichende Ergebnisse liefern, weil sie entweder nicht auf repräsentativen Samples beruhen oder sich Instrumentalvariabler für das Filesharing (wie z.B. Internetzugang) bedienen, die nicht zwangsläufig ein guter Indikator für das Filesharing darstellen. Am ehesten sind jene Methoden zielführend, die unmittelbar Daten aus Filesharing benutzen. Allerdings basieren alle diese Studien auf Daten, die bereits vor Jahren erhoben wurden und keinewegs mehr Aktualität für sich beanspruchen dürfen.
Musikwirtschaftsdialog: “Wie böse ist das Musik-Filesharing?” am 9. Juni 2010
Am Abend des 9. Juni 2010 fand der Musikwirtschaftsdialog zur Frage “Wie böse ist das Musik-Filesharing?” statt, in dem Felix Oberholzer-Gee (Professor an der Harvard Business School) und Philip Ginthör (General Manager der Sony Music Entertainment Austria) ihre gegensätzlichen Positionen austauschten. Während Prof. Oberholzer-Gee für eine Legalisierung von Musiktauschbörsen und eine Reform des Urheberrechts/Copyrights eintrat, setzte sich Philip Ginthör für ein starkes Urheberrecht in der gegenwärtigen Form ein und sah in den in einigen Ländern bereits gesetzlich verankerten Abmahnmaßnahmen (“Three-Strikes-Modelle”) einen gangbaren Weg, um die Rechte der Urheber wie auch deren wirtschaftlichen Interessen zu wahren.
Eine ausführliche Zusammenfassung des Musikwirtschaftsdialogs kann in der ORF Futurzone nachgelesen werden: “Filesharing und der Neustart der Musikindustrie”
Auf der mdw-Homepage gibt es den Live-Mitschnitt dieser Veranstaltung zudem in gesamter Länge zum Nachhören.
Musik-Filesharing Forschung und die Kulturflatrate am 10. Juni 2010
Den zweiten Konferenztag am 10. Juni 2010 eröffnete Peter Tschmuck (Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) mit einem Überblick über 23 Musik-Filesharing Studien, in dem er aufzeigte, dass diese zu vollkommen unterschiedlichen und widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Während ein Großteil der Studien einen negativen Zusammenhang zwischen Musik-Filesharing und Musikverkäufen herstellt, gibt es ernst zu nehmende Arbeiten, die keinen oder sogar einen positiven Einfluss der Tauschbörsennutzung auf Kaufmusik identifizieren. Der Grund für die divergenten Resultate liegt zum einen in der uneinheitlichen Begrifflichkeit begründet zum anderen in den unterschiedlichen Mess- und Auswertungsmethoden begründet, was Peter Tschmuck zum Schluss führt, dass es weiterer, vor allem repräsentativer Studien bedarf, um verbindliche Schlussfolgerungen ableiten zu können.
Ein Zusammenfasssung von Peter Tschmucks Vortrag kann auf heise.online bzw. im c’t magazin nachgelesen werden: “Wissenschaftler: Studien über Tauschbörsen unbrauchbar”
Zum Download: PowerPoint-Präsentation und Konferenz-Paper von “The Economics of File Sharing. A Literature Overview”
Live-Mitschnitt der Präsentation und der anschließenden Publikumsdiskussion
Im nächsten Vortrag versuchte Prof. Stan J. Liebowitz (University of Texas at Dallas) zu zeigen, dass Musik-Filesharing stark negative Auswirkungen auf Musikverkäufe hat und er setzte sich sehr kritisch mit der Filesharing-Studie von Oberholzer-Gee/Strumpf auseinander und versuchte aufzuzeigen, dass die darin verwendete Instrumentalvariable für Filesharing – Ferienzeit in Deutschland – unbrauchbar ist und verzerrte Ergebnisse liefert. In der anschließenden Publikumsdiskussion tauschten Prof. Liebowitz und Prof. Oberholzer-Gee ihre gegensätzlichen Positionen aus, was zu einer lebhaften Diskussion mit dem Rest des Publikums überleitete.
PowerPoint-Präsentation und Konferenz-Paper von “What Do Careful Examinations Reveal About the Impact of File Sharing?”
Live-Mitschnitt der Präsentation und der anschließenden Publikumsdiskussion
Nach der Mittagspause legte Prof. Felix Oberholzer-Gee (Harvard Business School) seine Forschungsergebnisse zum Filesharing dar, wonach Musiktauschbörsennutzung keinerlei statistisch signifikanten Einfluss auf Musikverkäufe aufweist. Im Vergleich mit anderen Filesharing-Studien versuchte Prof. Oberholzer-Gee aufzuzeigen, welche Mess- und Auswertungsmethoden mehr oder weniger verlässliche Ergebnisse liefern, um zum Schluss zu kommen, dass jene Studien, die sich direkt auf die Tauschbörsennutzung beziehen und diese mittels Instrumentalvariablen mit Musikverkäufen korrelieren. Auf dieser empirischen Basis setzte sich Prof. Oberholzer-Gee für eine grundlegende Reform des Urheberrechts/Copyrights ein.
Ein ausführliches Interview mit Prof. Felix Oberholzer-Gee kann in der ORF Futurezone nachgelesen werden: “Filesharing: Die wundersame Musikvermehrung”
Zum Download: PowerPoint-Präsentation und Konferenz-Paper
Live-Mitschnitt der Präsentation und der anschließenden Publikumsdiskussion
Im Anschluss daran legte Eric Garland (CEO BigChampagne) dar, dass sich das Filesharing-Volumen in den letzten Jahren stark gesteigt hat und inklusive One-Click-Hostingsites zehn Mal mehr Downloads generieren als kostenpflichtige Musikbezahlservices im Internet. Zudem zeigte Garland auf, dass die Filesharingszene dezentraler, schwer zu fassen aber auch schneller geworden ist. Auf Basis der von seiner Internetmarktforschungsfirma BigChampagne erhobenen Daten, schlussfolgert Garland, dass sich das Nutzerverhalten von einer Alben- hin zur Trackkultur gewandelt hat. Auf den Punkt gebracht: Im Durchschnitt werden pro Künstler/in lediglich zwei Musiktitel heruntergeladen. Alben werden kaum heruntergeladen, obwohl sie gratis verfügbar sind.
Ein ausführliches Interview mit Eric Garland kann in der ORF Futurezone nachgelesen werden: “Filesharing wird effizienter und schneller”
Zum Download: PowerPoint-Präsentation und Paper 1 und Paper 2 von “Statistical Trends in Music File Sharing”
Live-Mitschnitt der Präsentation und der anschließenden Publikumsdiskussion
In der die ersten “Vienna Music Business Research Days” abschließenden Podiumsdiskussion zu “Pros and Cons to Music Flat Rate Models” legten in einer sehr lebhaften und kontroveresen Diskussion unter der Leitung von Prof. Carsten Winter (Hochschule für Musik und Theater Hannover), Electric Indigo (DJ & Musikerin, Wien), Eric Garland (CEO BigChampagne, Los Angeles), Peter Jenner (Musikmanager und Musikproduzent, London) sowie Richard Mollet (The British Recorded Music Industry – BPI) ihre unterschiedlichen Positionen dar.
Eine Zusammenfassung kann in der ORF Futurezone nachgelesen werden: “Viele Hürden für die Musik-Flatrate”
Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion
Medienecho
Austria Presseagentur (APA) vom 8. Juni 2010: “Erste Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung”
DerStandard online vom 8. Juni 2010: “Böse, aber wie böse genau?”
ORF Futurezone vom 8. Juni 2010: “Musiktausch und Musikgeschäft”
ORF Futurezone vom 10. Juni 2010: “Filesharing und der Neustart der Musikindustrie”
heise online vom 11. Juni 2010: “Musikbranche: Wessen Bier ist das?”
heise online vom 11. Juni 2010: “Wissenschaftler: Studien über Tauschbörsen unbrauchbar”
ORF Futurezone vom 11. Juni 2010: “Viele Hürden für Musik-Flatrate”
ORF Futurezone vom 14. Juni 2010: “Filesharing wird effizienter und schneller”
Ö1 Digital.Leben vom 15. Juni 2010: “Illegale Downloads: Wie böse ist Filesharing?”
Die Süddeutsche online vom 15. Juni 2010: “Piratenmarkt? Über die Folgen des Filesharing”
Der Falter vom 16. Juni 2010: “Das Ende der Piratenparty” (siehe auch Brodnigs Blog vom 15. Juni 2010)
The Chronicle of Higher Education vom 17. Juni 2010: “Dispute Over File Sharing’s Harm to Music Sales Plays Again”
ORF Futurezone vom 17. Juni 2010: “Filesharing: Die wundersame Musikvermehrung”
Profil vom 21. Juni 2010, 41. Jg., Nr. 25: “Zukunftsmusik”
ArsTechnica, 21. June 21 2010, “File-sharing has weakened copyright—and helped society”
Billboard.biz, 22. June 2010, “Researchers Change Tune, Now Say P2P Has Negative Impact”
Handelsblatt, 28. Juni 2010, “High Noon der Professoren”
Die Presse, 10. Juli 2010, “Musik-Downloads: Aus für Gratis-Jukebox Internet?”
5 Antworten zu „Nachbetrachtung der ersten “Vienna Music Business Research Days”, 9.-10. Juni 2010“