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Sep
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Neue Geschäftsmodelle in der Musikindustrie: Sellyourrights.com

Anfang Dezember 2008 wurde von Björn M. Braun und Marc Treber Sellyourrights aus dem UNIBATOR der Goethe Universität Frankfurt, aus dem beispielsweise schon der erfolgreiche Klingeltonanbieter JAMBA hervorgegangen ist, als Internet-Start-Up gegründet. Das Grundkonzept ist einfach. Musikerinnen und Musikern wird die Möglichkeit geboten einen beliebigen Betrag zu nennen, den sie benötigen, um ihre Musikproduktion unter Creative Commons Lizenz (http://de.creativecommons.org/was-ist-cc/) zu veröffentlichen. Es wird mit Hilfe von Sellyourrights maximal 21 Tage lang quasi der virtuelle Hut herum gereicht. Kommt die gewünscht Summe zusammen ist, werden die von den Internetusern zugesagten Geldbeträge von der Kreditkarte bzw. über Paypal abgebucht. Ist das nicht der Fall, gibt es natürlich auch keinen Geldfluss. In einer Presseaussendung des UNIBATOR der Goethe Universität Frankfurt heißt es dazu vonseiten des Unternehmensgründers Braun: „Unser Ziel ist es zwei Dinge miteinander zu vereinen, die auf den ersten Blick nicht zusammen passen: Wir wollen beispielsweise, dass jeder Musik frei und legal teilen darf und trotzdem dafür gesorgt wird, dass die Macher dahinter, also die Labels, Manager und Musiker, bei der Sache verdienen.“

Im Grunde genommen funktioniert Sellyourrights als eine Art Fundraising-Agentur, die Geld für ein bestimmtes Projekt, in dem Fall eben eine Musikproduktion, bei Musikfans auftreibt. Damit ist aber auch schon die Aufgabe des Unternehmens erfüllt. Alle weiteren Schritte wie PR und Marketing, Konzertorganisation oder Labelgründung sind den Musikerinnen und Musikern selbst überlassen. Dennoch ist die Leistung, die das Internet-Start-up bietet, nicht zu unterschätzen. Sie stellt eine Internetplattform zur Verfügung, über die Musikproduktionen bekannt gemacht werden. Die Musikproduktionen lassen sich sehr einfach auf der Website hinauf laden, wobei die Rechtenutzung über Creative Commons Lizenz weiterhin vom Urheber kontrolliert wird. Die Verbreitung und somit das Probehören der Musik, die in dieser Phase noch nicht herunter geladen werden kann, funktioniert nach dem Prinzip des viralen Marketings und in Form von Widgets, die auf diversen Social Community Sites wie MySpace, Facebook oder Twitter einfach gepostet werden können.

  Beispiel Widged

Nach der Probehör- und Geldsammelphase von 21 Tagen gilt dann die Musik als „befreit“, sofern der gewünschte Betrag zusammengekommen ist. Das heißt, das Musikfile kann von allen, also auch denjenigen, die nicht bezahlt haben, herunter geladen und gemäß der Creative Commons Lizenz genutzt werden.

Ob das neue Geschäftsmodell überhaupt funktionieren kann, wird sich erst zeigen. Bis Mitte Oktober 2009 befindet sich Sellyourrights in einer geschlossenen Beta-Test-Phase, in der nur registrierte User das Service nutzen können. Der erste Probelauf Ende Dezember 2008 ist allerdings fehlgeschlagen. Für das vom Hamburger Pianisten und Komponisten Marcus Loeber bereitgestellte Album At the Very Moment konnte der gewünschte Betrag nicht zusammen gebracht werden. Im Sellyourrights-Blog wird der Fehlstart folgendermaßen kommentiert: „Let’s put it this way: This initial trial failed due to a fundamental miscalculation. However, the data we could collect convinced us that the innovative model we developed for the distribution of digital content basically works. The failure was rather due to some misinformation based on which some very basic parameters of the test run were set. In any case this test provided some very important and essential data for improving follow-up SellYourRights-auctions.” (http://blog.sellyourrights.org).

Am 1. April 2009 hat es dann doch geklappt. Bob V Zicari konnte für sein neues Album Passion and Elegance den vorher festgelegten Finanzierungsbeitrag von EUR 500 einsammeln. Das Geld floss aber nicht an den Künstler, sondern als Spende an eine italienische Non-Profit-Organisation, die sich um unheilbar Kranke kümmert. Unter den Attributen „non commercial“ – „share alike“ wurde das Album unter Creative Commons Lizenz verfügbar gemacht: http://rz0209.releasemyalbum.com/

Der Erfolg, der lediglich auf ein Widget auf einer MySpace-Seite beruhte, motivierte das Sellyourrights-Team in die nächste Phase, eben in den derzeit laufenden Beta-Test, einzutreten.

Die Höhe des gewünschten Betrags kann vom Künstler selbst bestimmt werden. An eine Begrenzung nach oben ist von Service-Betreibern nicht gedacht. Allerdings darf laut telefonischer Auskunft von Björn Braun nicht erwartet werden, dass über Sellyourrights.com eine Musikproduktion vollständig finanziert werden kann. Es kann zumindest in der Anfangsphase lediglich ein Finanzierungsbeitrag aufgebracht werden.

Was sind nun die kritischen Faktoren, die das Unternehmen zum Erfolg führen bzw. scheitern lassen können? Das Grundproblem besteht im digitalen Zeitalter darin, dass Musik in seiner unkörperlichen Form wieder seinen öffentlichen Gut-Charakter zurück gewonnen hat. Es kann also niemand mehr ohne prohibitiv hohe Kosten vom Musikkonsum ausgeschlossen werden (Nicht-Ausschließbarkeit) und es besteht auch keine Rivalität in der Musiknutzung mehr (Nicht-Rivalität). Wenn aber das Ausschlussprinzip des Marktes keine Geltung mehr hat, dann kann auch kein Marktpreis mehr eingefordert werden, weil das Gut schließlich zum Nulltarif genutzt werden kann. Damit fällt aber der finanzielle Anreiz weg, Musik zu produzieren und zu distributieren, weil die damit verbundenen Kosten nicht mehr über am Markt erwirtschaftete Erträge gedeckt werden können. In diesem Dilemma befinden sich derzeit alle, die direkt von der Musikproduktion und –verbreitung profitierten wollen.

Sellyourrights versucht das Problem nun damit zu lösen, dass es quasi „Spenden“ für eine Musikproduktion einsammelt und der Künstlerin/dem Künstler zukommen lässt. Die Spendenmotive sind aber nicht reiner Altruismus, sondern wurzeln meist in nicht monetären bzw. materiellen Gegenleistungen, die die Spenderin/der Spender erwartet. In diesem Fall steht natürlich der Wunsch im Vordergrund, dass Musik, die einem gefällt, an eine breite Öffentlichkeit gelangt. So gesehen, werden die „Geldgeber“ zu Mini-Mäzenen, die Musikschaffen ermöglichen wollen. Aber es gibt darüber hinaus noch ein weiteres, wichtiges „Spenden“-Motiv, nämlich das Gefühl zu haben, mit der Geldgabe etwas Gutes zu bewirken. Und das ist auch der Dreh- und Angelpunkt, der über Erfolg und Misserfolg von Sellyourrights entscheidet. Gibt es genug „Spenderinnen“ und „Spender“, denen es wert ist, dass eine Musikproduktion sich verbreiten kann und die daraus einen psychischen Mehrwert ziehen, kann das Geschäftsmodell nachhaltig etabliert werden.

Natürlich muss es auch genügend Musikproduktionen geben, die als künstlerisch wertvoll erachtet werden. Hierin liegt derzeit das Hauptproblem für Sellyourrights.com. Denn es können nur Musikerinnen und Musiker das Service nutzen, die keinen Wahrnehmungsvertrag mit einer Verwertungsgesellschaft geschlossen haben. Die Verträge sind wie im Fall der deutschen GEMA aber auch der österreichischen AKM/AustroMechana so ausgestaltet, dass keine selektive Übertragung der Nutzungsrechte möglich ist. Die Verwertungsgesellschaften nehmen entweder alle Nutzungsformen oder keine wahr. Somit fällt der überwiegende Teil der Musikschaffenden als Sellyourrights-Nutzer aus, was natürlich zu einer gewaltigen Einengung des Geschäftsfeldes führt. Fehlen aber die Erfolg versprechenden Acts, so bleiben auch Risikokapitalgeber aus, die für jedes Start-up-Unternehmen überlebenswichtig sind. Sollte der Service sowohl von Künstler- als auch Musikkonsumentenseite gut angenommen werden, dann ist geplant, dass sich Sellyourrights.com über eine 5-10% Erfolgsbeteiligung, abhängig von den Zusatzleistungen, die das Unternehmen bietet, refinanziert. Dann ist auch an eine Ausweitung des Betätigungsfeldes auf Spiele, Software, Filme, literarische Werke und Bilder gedacht.

Aber in dieser Phase ist das Sellyourrights.com noch nicht. Vorerst nutzen die beiden Jungunternehmer noch die Büroräumlichkeiten an der Frankfurter Universität und können dank der Ersparnisse, die sie in das Projekt gesteckt haben, einen Vollzeitangestellten bezahlen. Nach Auskunft von Björn Braun kann der Betrieb noch drei Monate aufrecht erhalten werden und in diesem Zeitrum muss sich entweder ein großer, namhafter Act bereit erklären, das Service zu nutzen, um zu beweisen, dass das Geschäftsmodell funktioniert oder es findet sich ein Investor, der dringend benötigtes Kapital für dieses innovative Start-up bereit stellt. Die beiden Jungunternehmer haben auch schon ihre Fühler in den USA ausgestreckt, wo auch in Zeiten wie diesen leichter an Risikokapital heranzukommen ist. Aber es ist auch leichter Künstler zu finden, die nicht bei einer der Verwertungsgesellschaften unter Vertrag sind, denn die deutsche GEMA war bislang nicht bereit auf die pauschale Rechtewahrnehmung zu verzichten. In Deutschland hat also Sellyourrights.com nach Ansicht von Firmengründer Braun keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr.

Wer also vertraglich nicht an Verwertungsgesellschaften gebunden ist und in Sellyourrights.com als auch im Creative Commons Lizenzmodell ein entsprechendes Potenzial sieht, die/der kann sich direkt an den Unternehmensgründer Björn Braun (bjoern@sellyourrights.com) mit ihrem/seinem Finanzbedarf für die jüngste Musikproduktion melden. Die nächsten drei Monate sind wohl entscheidend, ob Sellyourrights.com nachhaltig etablieren kann oder ob es beim innovativen Versuch bleibt, Musik aus den bestehenden vertraglichen Beschränkungen zu „befreien“.

Quellen

http://www.sellyourrights.com

http://blog.sellyourrights.org

Creative Commons: http://de.creativecommons.org/was-ist-cc/

myoon Music Blog: http://blog.myoon.com/2009/08/12/sellyourrights-musik-prasentieren-bieten-veroffentlichen/

ORF Futurezone, Artikel vom 8.9.2009: http://futurezone.orf.at/stories/1623893/

Telefoninterview mit Björn Braun am 23.9.2009

UNIBATOR der Goethe-Universität Frankfurt, Pressemitteilung vom 2.9.2009: http://www.unibator.de/news-daten/UnibatorNews.03.09_de.pdf

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1 Response to “Neue Geschäftsmodelle in der Musikindustrie: Sellyourrights.com”


  1. 1 John Branca
    25. September 2009 um 5:21 nachmittags

    Einfaches Grundkonzept? Sell your rights?
    Wer verkauft hier welche Rechte an wen? Warum sollte ein Musiker (oder sonst ein Urheber) seine Rechte überhaupt verkaufen, anstatt sie – zeitlich limitiert oder per Creative Commons – zu lizenzieren?

    Das Start-up „stellt eine Internetplattform zur Verfügung, über die Musikproduktionen bekannt gemacht werden“.
    Gibt es eine Marktlücke im Bereich von Webseiten, die Musik vorstellen? Haben sich die Start-up-Manager bereits durch ihren Fähigkeit profiliert, „gute“ Musik zu erkennen und bekannt zu machen? Welchen Anreiz gibt es für Musiker und potenzielle Spender, den Dienst zu nutzen?

    „Natürlich muss es auch genügend Musikproduktionen geben, die als künstlerisch wertvoll erachtet werden. Hierin liegt derzeit das Hauptproblem für Sellyourrights.com. Denn es können nur Musikerinnen und Musiker das Service nutzen, die keinen Wahrnehmungsvertrag mit einer Verwertungsgesellschaft geschlossen haben.“
    Um qualitativ hochwertige Musik (was immer das auch sein mag) zu machen, muss man kein Mitglied einer Verwertungsgesellschaft sein. Und da nur ein Bruchteil aller Musiker bei der GEMA / AKM angemeldet sind, dürfte es mehr als genügend Material geben. Das Problem ist die Auswahl (A&R-Funktion). Wie wird diese Problem bei Sellyourrights gelöst? Ist der Dienst auf einen Musikstil spezialisiert oder kennen sich die Macher im ganzen Stilspektrum aus? Und wie gut kennen sie das Publikum: Sind Schlagerfans eher zu Spenden bereit als Punker oder umgekehrt?

    Das Sellyourrights-Modell macht weder für Musiker noch für potenzielle „Risikokapitalgeber“ bzw. „Mäzene“ Sinn:
    - Musiker können auch auf ihrer eigenen Webseite, bei Live-Auftritten etc. Spenden sammeln.
    - Für „Risikokapitalgeber“ gibt es hier weder Risiko noch Chance, sondern rein gar nichts.
    - Für „Mäzene“ gibt es eine extrem indirekte Befriedigung, die „Befreiung“ eines Werkes. Gibt es Musikhörer, die daran Interesse haben? Bietet das Internet nicht bereits eine unendliche Menge von (freiwillig und unfreiwillig) „befreiter“ Musik? Worin liegt der Reiz einer anonymen Spende?

    Auf der Internetseite von sellyourrights heißt es, Ziel sei die Befreiung der digitalen Medien. Was ist damit gemeint? Was sind „digitale Medien“ in diesem Zusammenhang? Und wer hält sie gefangen?

    Vielleicht gibt es Bedarf für ein professionelles Spendensammelsystem für „Kreative“. Aber bitte ohne aufgesetzte Befreiungs-Rhetorik, die völlig an dem vorbei geht, was mit CC-Lizenzen erreicht werden kann: Das bestimmte Nutzungsarten unter bestimmten Bedingungen erlaubt werden, hat nichts mit „Befreiung“ zu tun. Das ist auch in jedem herkömmlichen Verwertungsvertrag so.

    Und was passiert mit den Werken, für die nicht genügend Geld zusammen kommt? Verschwinden die in der Versenkung oder suchen die Musiker weiter ihre Chance, zum Beispiel, in dem sie die Musik unter CC lizenzieren? Oder ist das verboten?

    Sellyourrights ist kein „innovativer Versuch“, sondern eine schlechte Kopie eines ohnehin schon (aus Sicht der Musiker und der Unterstützer) zweifelhaften Modells: Sellaband. Wobei bei Sellaband (angeblich) zumindest die Macher auf ihre Kosten kommen.


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